Zum Hauptinhalt springen

Kein Friede nach dem Sieg

Von Gerhard Lechner

Analysen

Die ukrainische Armee steht in der Ostukraine vor dem Sieg. Doch der brutale Krieg wird wohl schlimme Folgen haben.


Die Zeit für die prorussischen Rebellen in der Ostukraine scheint abzulaufen. Die Großstädte Donezk und Luhansk, die Bastionen der Separatisten, stehen vor dem Fall. Von "Noworossija", dem groß angekündigten "Neurussland", das perspektivisch den ganzen russischsprachigen Süden und Osten der Ukraine umfassen sollte, ist fast nichts mehr geblieben. Wenn sich Russlands Präsident Wladimir Putin nicht doch noch in letzter Minute zu einer Militärintervention durchringt, dann, so scheint es, wird Kiew die blutige Machtprobe für sich entscheiden.

Der Preis für diesen "Siegfrieden" ist allerdings ein hoher. Mehr als 170.000 Ukrainer sind laut der UNO in Russland als Flüchtlinge registriert, mehr als 110.000 in andere Regionen der Ukraine geflohen - die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher sein. Vor allem aber: Der blutige Krieg forderte viele Opfer, darunter auch unzählige Zivilisten. Selbst wenn es sich bei den Separatisten wirklich, wie von Kiew behauptet, ausschließlich um moskowitisch gelenkte Geiselnehmer an der Bevölkerung des Donbass handeln sollte - die Bombardierung von Wohngebieten durch das Militär, das weitgehend unkontrollierte Agieren radikal nationalistischer, teils offen rechtsextremer Brigaden wie etwa des Asow-Bataillons des Chefs der "Radikalen Partei", Oleh Ljaschko, werden in der leidgeprüften Bevölkerung des Donbass kaum auf Begeisterung stoßen. Bilder und Videos zeigen unvorstellbar grausame Resultate der Luftschläge - verbrannte Leichen, zerfetzte Kinder. Nicht alles kann mit dem Hinweis auf "russische Propaganda" abgetan werden.

Bleibt die Frage, wie die ostukrainische Bevölkerung nun auf ihre "Befreiung" reagiert. Haben sich die Rebellen durch Plünderungen, Entführungen oder das Heraufbeschwören des Krieges derart diskreditiert, dass man sich dann, froh über Ruhe und Ordnung, stärker Kiew zuwenden wird? Oder verhärten sich die Fronten durch das vergossene Blut, durch die Zuspitzung des Konflikts? Für Letzteres spricht, dass die ukrainische Führung den östlichen Regionen zwar eine Dezentralisierung versprochen, bisher aber noch keinen Plan dazu vorgelegt hat. Im Gegenteil hört man aus Kiew vermehrt unversöhnliche Stimmen, wie etwa kürzlich die eines Journalisten, der von 1,5 Millionen "Nutzlosen" im Donbass gesprochen hat. Und davon, dass es dort Leute gebe, die man "einfach töten" müsse.

Dazu kommt noch, dass der ideologisch besonders motivierte Teil der Soldaten Kiews, die Maidan-Kämpfer und Nationalgardisten, eine Teilhabe an der Macht anstreben werden, wenn sie aus der Ostukraine zurückkehren. Sie dürften nicht zu Kompromissen mit den eben erst besiegten Ostukrainern neigen. Darüber hinaus wollen sie auch die unvermindert oligarchische Struktur der ukrainischen Politik brechen. Instabilität ist programmiert.

Das könnte auch für Russland gelten. Mit der Annexion der Krim wurde Putin zur Galionsfigur russischer Nationalisten. Gibt er nun "Neurussland" auf, untergräbt er sein Image als Macher und macht sich im eigenen Land unbeliebt. Die Geschichten und Berichte über die im Stich gelassenen orthodoxen Brüder, die Russland noch lange beschäftigen dürften, werden Putin von nationalistischer Seite unter Druck kommen lassen.