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Kein Geld für die Therapie

Von Michael Furger

Wissen

Psychisch auffällige jugendliche Straftäter stellen die Zürcher Justiz vor Probleme. Die Erziehungsheime sind überfordert, andere geeignete Unterbringungen gibt es kaum, und ein Therapie-Projekt wurde aus Spargründen auf Eis gelegt.


Die Fälle sind selten, aber sie kommen vor. Eine 16-Jährige aus dem Bezirk Uster versucht, mit einem Messer ihren Bruder zu töten. Ein anderer Minderjähriger vergewaltigt eine junge Frau. Wieder ein anderer wird in einem psychiatrischen Gutachten als gemeingefährlich eingeschätzt.

Laut dem stellvertretenden Zürcher Jugendstaatsanwalt Marcel Riesen kommen im Kanton Zürich pro Jahr bis zu fünf neue solch schwere Fälle hinzu. Daneben befinden sich derzeit rund 100 leichtere Fälle in psychologischer oder psychiatrischer Behandlung.

Das Problem ist aber: Für psychisch kranke und auffällige kriminelle Kinder und Jugendliche bestehen nicht nur in Zürich, sondern in der ganzen Deutschschweiz wenig Behandlungsmöglichkeiten. Für die schweren Fälle gibt es sogar überhaupt keine geeignete Unterbringung.

"Mit der nötigen psychiatrischen Betreuung sind Erziehungsheime häufig überfordert", sagt Riesen. Umgekehrt seien psychiatrische Kliniken ungeeignet, weil oft die notwendige pädagogische Hilfe fehlt. Dazu kommt der Schutz der Öffentlichkeit. Die schweren Fälle, meistens Gewalt- oder Sexualstraftäter, sind häufig aggressiv und gefährlich.

Die meistens offen geführten Heime sind dafür zu wenig sicher. Und auch in den Heimen selbst wären diese Täter ein Risiko, wie Cornelia Bessler, leitende Ärztin des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes (PPD) des Zürcher Justizvollzugs, sagt. Einschließungen schließlich sind für unter 15-Jährige gar nicht, für Ältere bis 18 Jahre bis zu maximal einem Jahr erlaubt. Stattdessen werden auch bei schweren Fällen vielfach längere Erziehungsmaßnahmen angeordnet.

Laut Bessler kommen deshalb psychisch auffällige Jugendkriminelle oft auf freien Fuß. Manchmal auch solche, die als Sicherheitsrisiko gelten. Die Ärztin spricht von einer "Notsituation". Im Vergleich zu den Therapiemöglichkeiten bei Erwachsenen seien bei Jugendlichen die Zustände bedenklich. Es gebe zu wenig Behandlungsprogramme. Zu diesem Schluss ist im April auch die Ostschweizerische Strafvollzugskommission gekommen. Die Unterbringung psychisch kranker und sehr gewalttätiger Jugendlicher genüge fast nie den Anforderungen, teilte die Kommission damals mit.

Was der Kanton Zürich dagegen tut, ist noch unklar. An Lösungen wird gearbeitet.