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Kein Kurswechsel, aber Neuorientierung

Von Gerald Mader

Politik

In dem Jahr, in dem in Deutschland die Deutsche Gesellschaft für Frieden und Konfliktforschung (DGFK) aufgelöst wurde (1983), gründeten in Österreich die damalige Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg und ich als damaliger Landesrat das Schlaininger Friedensforschungsinstitut: Als Privatpersonen, da sowohl die Österreichische Akademie der Wissenschaften als auch die Burgenländische Landesregierung diesem Projekt ablehnend gegenüberstanden.

Motiv und zentrales Thema dieser ersten institutionalisierten Österreichischen Friedensforschung waren der Ost-West-Konflikt und die Folgen, die sich daraus für Europa und das neutrale Österreich ergaben. Bereits diese österreichische Gründungsgeschichte - noch mehr die deutsche - zeigt, wie sehr die internationalen, aber auch die innerstaatlichen Rahmenbedingungen Existenz und Themenwahl von Friedens- und Konfliktforschungsinstituten beeinflussen.

Das Schlaininger Institut wurde bei seinem wissenschaftlichen Aufbau sehr stark von den wissenschaftlichen Erkenntnissen der beiden Gründungsväter moderner Friedensforschung, Johan Galtung und Dieter Senghaas, beeinflusst und unterstützt, die im Herbst dieses Jahres ihren 70. bzw. 60. Geburtstag feiern. Sie sind gleichzeitig ein Beispiel für die Heterogenität der Friedensforschung, da es die Friedensforschung ebensowenig wie die Friedensbewegung gibt.

Frieden ist bekanntlich mehr als die Abwesenheit von Krieg und Friedensforschung ist mehr als reine Sicherheitspolitikwissenschaft. Während des Ost-West-Konfliktes war jedoch die militärische Sicherheitspolitik sohin Fragen des sogenannten negativen Friedens dominierend, während wirtschaftliche, ökonomische und kulturelle Faktoren dramatisch vernachlässigt wurden.

Das Ende des Kalten Krieges hat die Welt dramatisch verändert. Diesem Wandel kann sich auch die Friedens- und Konfliktforschung nicht entziehen, wenn sie offensiv auf der Höhe ihrer Zeit bleiben will. Kein Kurswechsel, aber die Neuorientierung der Friedens- und Konfliktforschung ist fällig, die zum Teil bereits begonnen hat. Nicht, was die Grundintention - Förderung des Friedens, Reduktion der Gewalt mit friedlichen Mitteln - anbelangt, aber hinsichtlich der Wahl der Themenschwerpunkte: Weg von der Dominanz des Militärischen, weg vom bipolaren Großkonflikt und Befassung mit den vielen innerstaatlichen und innergesellschaftlichen Konflikten, vor allem aber eine Verlagerung vom negativen zum positiven Frieden.

Wo liegen nun die neuen Schwerpunkte konkret?

Sie liegen mehr

im politischen als im militärischen Bereich (Grundlagen des internationalen Systems, UNO-Reform, OSZE Aufwertung, USA-Hegemonie und Europa, EU-Finalität und Osterweiterung, Primat der Politik, Moralisierung der Politik, Entwicklung und Friedensfähigkeit von Demokratie, ethnischer Nationalismus und Renationalisierung, Nationalstaat und Globalisierung, Alternativen zur militärischen Konfliktlösung, die Rolle der NGOs, Friedenserziehung und Kultur des Friedens),

im rechtlichen Bereich (Menschenrechte und Universalität, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, Rechtsextremismus, Migration, Frieden durch Recht, Völkerrecht und humane Interventionen, out of area Einsätze ohne UNO Mandat Internationaler Strafgerichtshof),

in der ökonomisch-/ökologischen Entwicklung (Globalisierung, Wettbewerb, seine Grenzen und Auswirkungen auf die menschliche Psyche, Zähmung des Kapitalismus, nachhaltige Entwicklungspolitik, soziale Gerechtigkeit, Bevölkerungsvermehrung, Bekämpfung der Armut, des Elends und von ökologischen Krisen)

und vor allem in der zunehmenden Bedeutung der verschiedenen Formen der nicht-militärischen Konfliktregelung (Konfliktursachen, Frühwarnsystem, Prävention, Mediation, Konflikttransformation, Kooperation statt Konfrontation), wozu professionelle Ausbildung (IPT Kurse in Schlaining) befähigen soll.

Es gibt kein Patentrezept, aber "Übung in Beharrlichkeit" und ein kleinwenig Idealismus können auf dem Weg zur postmilitanten und gerechteren Gesellschaft nicht schaden.

Dr. Gerald Mader ist Präsident des Friedenszentrums Schlaining

Das Österreichische Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK) ist ein privater, gemeinnütziger und parteiunabhängiger Verein zur Förderung von Friedensforschung, Friedenserziehung und Friedenspolitik. Schwerpunkte sind die Friedensuniversität und die Trainingskurse für zivile Konfliktbearbeitung.