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Kein Mangel an Bewerbern

Von Christine Zeiner aus Berlin

Politik
Im Seniorenheim betreut der 19-jährige Yannis Lassal einen

Die Zahl der Zivildienst-Stellen wurde nach Ende der Wehrpflicht gekürzt.


Berlin. Was dann? Wie geht es beruflich weiter? Etwas Soziales? Medizinisches? Aber was genau? Max Gutermuth (20) hatte darauf keine Antwort. So entschied sich der Berliner dazu, nach seiner Matura ein Jahr der Orientierung im Krankenhaus zu machen. Seit Oktober arbeitet Gutermuth nun in der Psychiatrischen Tagesklinik im Urban-Klinikum im Berliner Bezirk Kreuzberg. Der junge Mann kocht mit den Patienten, arbeitet mit ihnen in der Werkstatt, unterstützt sie auch, indem er mit ihnen plaudert, ist bei den Morgen- und Abschlussbesprechungen der Ärzte, Pfleger, Psychologen und Sozialarbeiter dabei und bei der Chefarztvisite. Es macht ihm Spaß und, sagt Gutermuth, er bekomme einen sehr guten Einblick in die Psychiatrie: "Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass so viele Patienten ihre Krankheit so gut verstecken." Nach sechs Monaten wechselt Gutermuth auf die Station 33, die Entzugsstation. Nach diesem Jahr werde er wissen, welche Ausbildung er beginnt.

Nur 380 Euro für freiwillige Arbeit

Gutermuth ist einer von etwa 85.000 Männern und Frauen, die sich zurzeit in Deutschland im Rahmen der Freiwilligendienste engagieren. 35.000 tun das als "Bufdis" im "Bundesfreiwilligendienst", 50.000 als "FSJ-ler" im "Freiwilligen Sozialen Jahr". Das "FSJ" gibt es bereits seit mehreren Jahrzehnten, Träger sind die Wohlfahrtsverbände wie Rotes Kreuz und Caritas. Der Bund schießt Mittel zu. Der "BFD" wurde als Nachfolger des Zivildienstes geschaffen - denn die Wehrpflicht ist in Deutschland seit 2011 de facto abgeschafft. Juristisch wurde sie ausgesetzt. "BFD"-Träger ist der Bund.

Und während das "Freiwillige Soziale Jahr" für Frauen und Männer nach der Schulpflicht bis zum 27. Lebensjahr möglich ist, steht der "Bundesfreiwilligendienst" allen Altersgruppen offen. Die Bezahlung, das "Taschengeld", ist mit 380 Euro gleich. Freie Plätze und Bewerbungsfristen findet man auf der Online-Stellenbörse FSJ/BFD aufgelistet. "Ob FSJ oder BFD - darauf hab ich nicht weiter geguckt", sagt Gutermuth. Das Krankenhaus hatte eine FSJ-Stelle zu vergeben, deshalb ist Gutermuth nun FSJ-ler.

Rotes Kreuz muss mit weniger Helfern arbeiten

Der Ansturm auf die Freiwilligendienste ist fast doppelt so groß als es Stellen gibt. Weil der Staat sparen will, ist das Kontingent begrenzt - und deutlich geringer als zu Zeiten der Wehrpflicht. Etwa 80.000 Zivildiener gab es im letzten Jahr des Bestehens. Die Sorge der Verbände und Klienten war groß: Wie soll das in Zukunft gehen? Schafft man all die Arbeit mit weit weniger Mitarbeitern? Beim Deutschen Roten Kreuz in Berlin sieht man das Thema heute "differenziert".

Natürlich sei die Unsicherheit anfangs groß gewesen. Aber dann baute man Dienste und Schichten um. Bei "Essen auf Rädern" etwa plante man die Touren so, dass die Auslieferung trotz weniger Stellen klappt. "Allerdings ist jetzt nicht mehr ganz so viel Zeit, mit den Senioren zu reden", sagt Mitarbeiter Rüdiger Kunz. Auch würden sich weniger junge Männer als junge Frauen für die freiwilligen Dienste melden - das oft Verschmitzte und mitunter etwas Tollpatschige der jungen Männer würden gerade aber Seniorinnen vermissen. Auch Arbeiten, die viel Kraft erforderten - wie das Hin- und Herschieben schwerer Betten - seien eher etwas für junge Männer als für junge Frauen.

"Auf der anderen Seite werden Leute erreicht, die wir sonst nicht erreicht hätten", sagt Kunz und berichtet von einem weit über 70 Jahre alten Mann, der Computerkurse für Senioren anbietet und in einem Heim demente Bewohner betreut sowie von einer früheren Langzeitarbeitslosen, die als "Bufdi" nicht nur eine große Hilfe war, sondern wieder mehr Selbstvertrauen gefasst hat. Dass eine "Bufdi"-Stelle aber in ein reguläres Dienstverhältnis führt, ist laut Kunz die Ausnahme.

"FSJ" und "BFD" können sich aber nicht alle leisten. Manche arbeiten lieber schlecht bezahlt als gar nicht: Der Dienst scheine in ostdeutschen Bundesländern vor allem für Arbeitssuchende attraktiv zu seine, heißt es in einer Studie der privaten Hochschule Hertie School of Governance. Demnach liegt der Anteil von "Bufdis", die über 27 Jahre alt sind, im Bundesdurchschnitt bei 30 Prozent, im früheren Osten hingegen bei mehr als 50 Prozent. Die Studie bestätigt zudem, dass Jugendliche, die nicht mehr bei den Eltern wohnen oder keine finanzielle Unterstützung von zu Hause erhalten, "oftmals nur unter erschwerten Bedingungen" teilnehmen können. Anders als beim Zivildienst gibt es keine Vergünstigungen wie die Heilfürsorge, die Krankheitskosten übernahm, oder kostenlose Bahnfahrten.

Für Max Gutermuth ist die Bezahlung nicht der Grund seines Engagements. "Mehr als 380 Euro könnte es aber sein", sagt er.