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"Kein Mensch soll sprachlos sein"

Von Petra Tempfer

Politik

Die neue Diakonie-Direktorin Maria Moser fordert einen Rechtsanspruch auf assistierende Technologien wie zum Beispiel Sprachcomputer für junge Menschen mit Behinderung.


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Wien. Der achtjährige Liam geht in die dritte Klasse Volksschule und ist ein Einser-Schüler - und das, obwohl er körperlich und sprachlich behindert ist. Er hat Athetose, eine schwere Form zerebraler Bewegungsstörungen. Wenn er im Rollstuhl sitzt, hat es den Anschein, als würde er ständig um sich schlagen. Dass er dennoch ganz normal lernen kann, verdankt er seinem augengesteuerten Sprachcomputer.

Diesen zu bekommen, war für Mutter Kerstin Weingartner aus Oberösterreich jedoch ein Spießrutenlauf von Behörde zu Behörde, wie sie bei der Antrittspressekonferenz der neuen Direktorin der evangelischen Diakonie, Maria Moser, am Mittwoch erzählt. Schließlich wurde das selbst ohne Software 6000 Euro teure Gerät vom Land Oberösterreich und der Gebietskrankenkasse zu zwei Drittel finanziert - die weitaus bessere Version hätte rund 17.000 Euro gekostet. Dass es die Möglichkeit eines Sprachcomputers überhaupt gibt, hatte Weingartner zuvor im Zuge mühsamer Internetrecherchen entdeckt. Denn der offizielle Hilfsmittelkatalog des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger für assistierende Technologien stammt aus 1994. Eine Zeit, in der es Sprachcomputer wie jenen, den Liam nun verwendet, noch gar nicht gab.

Zentrale Anlaufstelle gefordert

"Kein Mensch soll sprachlos sein", sagt Moser, die mit Liam und Kerstin Weingartner auf dem Podium Platz genommen hat. In Österreich sind laut Diakonie 63.000 Menschen in ihrer Kommunikation beeinträchtigt. Sie hätten ein Recht auf gleichberechtigten Zugang zu Information und Kommunikation - Letztere sei der Schlüssel zu Bildung, zur Teilhabe am Leben, sagt Moser, die vor etwa zwei Wochen die Leitung der Diakonie von Michael Chalupka übernommen hat.

Den ersten Schwerpunkt in ihrer neuen Funktion setzt sie daher auf das Thema Kinderrechte und fordert von der Regierung einen Rechtsanspruch auf assistierende Technologien für junge Menschen mit Behinderung. Zudem brauche es eine zentrale Anlaufstelle, um problemlos an diese Technologien und Fördermöglichkeiten zu gelangen, sagt sie. Und: Der Hilfsmittelkatalog gehöre aktualisiert.

Dieser Ansicht ist auch Behindertenanwalt Hansjörg Hofer. Er bezweifelt allerdings, dass das so schnell passieren wird, denn: "Ich glaube, dass es dann die Befürchtung gibt, dass von allen Seiten Forderungen nach Erweiterungen kommen - wenn man alles hineinreklamiert, was neu sein könnte, wird das eine größere Geschichte. Davor hat man Angst", sagt Hofer zur "Wiener Zeitung".

Dass die Aktualisierung des Hilfsmittelkatalogs derzeit offenbar keine Priorität hat, zeigt auch ein Anruf beim Hauptverband: Dort weiß man auf Nachfrage gar nicht, dass es einen solchen Katalog überhaupt gibt.

Wenig optimistisch ist Hofer auch bezüglich des Rechtsanspruchs auf assistierende Technologien. Denn, um die Frage beantworten zu können, mit welchen Kosten das für die öffentliche Hand verbunden wäre, müsste man zuerst erheben, wie viele einen Anspruch darauf hätten. "Diese Schätzung gibt es nicht, weil das in die Kompetenzen der Länder fällt. Dadurch sind die Betroffenen nicht einheitlich erfasst", sagt Hofer. Das mache ein Handeln vonseiten der Politik schwierig.

Ähnlich verhalte es sich mit einem Rechtsanspruch auf persönliche Assistenz, der schon lange in Diskussion ist, den es aber auch noch immer nicht gibt. Österreich hat sich mit der 2008 ratifizierten UN-Behindertenkonvention allerdings zum gleichberechtigten Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung verpflichtet. Die UN hat Österreich bereits kritisiert, dass nicht einmal ausreichend Statistiken existieren.

Was die persönliche Assistenz betrifft, sei der Bund für jene am Arbeitsplatz zuständig, und die Länder seien es für jene in der Freizeit, heißt es dazu auf Nachfrage aus dem Sozialministerium. Die persönliche Assistenz am Arbeitsplatz hätten im Vorjahr 529 Personen in Anspruch genommen. Der Aufwand habe sich auf rund 10,4 Millionen Euro belaufen.

Die umfassende gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen sei der Regierung ein wichtiges Anliegen, heißt es weiter. Zur Verbesserung der beruflichen Situation seien für heuer Ausgaben von mehr als 220 Millionen Euro für Projekt- und Individualförderungen geplant. 2017 habe man aus dem Unterstützungsfonds für Menschen mit Behinderungen in 231 Fällen Kommunikationshilfsmittel gefördert.

Auf die Frage, ob ein Rechtsanspruch auf assistierende Technologien angedacht sei, hieß es: Vorrangiges Ziel sei die berufliche Integration von Menschen mit Behinderungen, "denn diese sichert nicht nur ein regelmäßiges Einkommen, sondern auch Selbstvertrauen und soziale Kontakte." Dazu sollen im Herbst Gespräche mit den Stakeholdern erfolgen, eine Umsetzung sei ab 2019 geplant.

Moser selbst möchte ihre Anliegen der Regierung im Rahmen der traditionellen Advent-Aktion persönlich vortragen, wenn die Diakonie die Politiker mit Adventkränzen besucht, sagt sie. Das Thema Kinderrechte ist für sie noch mit weiteren Forderungen verbunden. So sollen die "Frühen Hilfen" für Eltern, die ein schlechtes soziales Netzwerk haben, flächendeckend ausgebaut werden. Die "Frühen Hilfen" in Form von Sozialarbeiterinnen, die zu Besuch kommen, oder Mama-Baby-Treffen sollen diese Eltern unterstützen, damit die Kinder in der frühen Lebensphase gut versorgt sind.

Geld für benachteiligte Schulen

Soziale Investitionen - vor allem in frühen Lebensjahren - lohnten sich in jedem Fall, so Moser. Ein Dollar, den man an "Frühen Hilfen" in den ersten drei Lebensjahren investiert, habe eine Rendite von acht bis 16 Dollar. Zudem sollten Schulen in benachteiligten Gebieten finanziell ausgestattet werden, "weil sie die besten Schulen werden müssen", so Moser. "Es darf keinesfalls bei den Kindern gespart werden. Sie brauchen eine solide Basis, damit sie sich entwickeln können." Als Nächstes möchte sich Moser den älteren Menschen widmen. "Demenz wird ab Frühling unser großes Thema sein", sagt sie zur "Wiener Zeitung".

Liam möchte bis dahin in der Schule weiterkommen, damit er nach der Volksschule in die Neue Mittelschule wechseln kann. Später möchte er Polizist, Feuerwehrmann oder Rettungsfahrer werden, sagt er über seinen Computer. Warum? "Weil man da schnell mit dem Auto fahren kann."