Zum Hauptinhalt springen

Kein Neubeginn

Von Brigitte Pechar

Politik

Historiker Botz über den bestimmenden Einfluss der Pragmatiker in der SPÖ nach 1945.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 9 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Im "Roten Salon" des Wiener Rathauses schlossen sich am 14. April 1945 Sozialdemokraten und "Revolutionäre Sozialisten" zusammen. Die Sozialistische Partei Österreichs, die damals entstand, knüpfte im Wesentlichen an die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) an, die zur Jahreswende 1888/89 in Hainfeld (Niederösterreich) gegründet wurde. Damals hatte Victor Adlers "Prinzipienerklärung" "Gemäßigte" und "Radikale" vereint.

Heute, 70 Jahre später, lädt die SPÖ zu einem Festakt in die Volkshalle des Wiener Rathauses.



"Wiener Zeitung":Kann man die Gründung der SPÖ vor 70 Jahren tatsächlich als Neugründung bezeichnen oder ist die SPÖ nicht vielmehr die Fortführung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei?

Gerhard Botz: In Hainfeld 1888/89 kann man von einer klaren Parteigründung sprechen. Das war die Zusammenführung von zwei (Linkssozialisten und Reformisten) oder dreiStrömungen, wenn man die Gewerkschafter dazuzählt. Das ist ein Datum, auf das sich die SPÖ als Gründungsdatum bezogen hat, und was sie auch 1988 mit einer großen Ausstellung im Gasometer zur 100-Jahr-Feier der Partei so dargestellt hat. Ich glaube, dass es bis heute keinen Grund gibt, das aufzugeben. 1945 war nur zum Teil eine Verschmelzung wie 1888/89 von ursprünglich geteilten Strömungen, die im Gründungsakt im Rathaus unter den - nichtjüdischen - Politikern stattgefunden hat: unter den Revolutionären Sozialisten, die in der Untergrundbewegung waren und aktiver im Widerstand waren als die Sozialdemokraten, die eher untergetaucht sind und Kompromisse zu schließen versucht haben. Dazu kommt allerdings auch, dass die Linksintellektuellen in der Sozialdemokratie vertrieben oder umgebracht worden waren. Das hat den Charakter der SPÖ, ihres intellektuellen Kerns, massivst beeinflusst und die Pragmatiker, die aus dem Gewerkschafts- und dem Bundesländerflügel - vorwiegend aus Niederösterreich - gekommen sind, hervortreten lassen.



Wie hat sich das ausgewirkt?

Die Pragmatiker haben die Politik der SPÖ jahrzehntelang bestimmt. Auch deshalb, weil die SPÖ jahrzehntelang geradezu absichtlich die Re-Migration ihrer vertriebenen und der überlebenden Linksintellektuellen verhindert hat - oder die Linksintellektuellen, die da waren, nicht Fuß fassen ließ.

Hat das Nichtangebot zur Rückkehr auch damit etwas zu tun, dass man die eigene Position halten wollte?

Natürlich, das ist ein generelles Problem bei Emigration. Aber das hat auch damit zu tun, dass die SDAP ein breites Feld von Verwaltungsspezialisten hervorgebracht hatte, die nach nationalsozialistischen Umwegen zur Sozialdemokratie zurückgekehrt sind. Diese haben den reformistischen Kern der Nach-1945er-Sozialdemokratie bestimmt. Das war kein Neubeginn, sondern ein Wiederaufleben von alten Traditionen mit einem gewissen Lehrenziehen. Die nächste Wende, die sich in der SPÖ vollzogen hat, war sicherlich in den 1990er Jahren. Ich meine damit die partielle Hinwendung zu neoliberalen Wirtschaftshegemonien, aber auch die Schwächung der Sozialstruktur.

Im Gegensatz zur SPÖ ist die ÖVP sehr wohl eine Neugründung, aber dort sind die politischen Eliten viel kontinuierlicher als in der SPÖ. Die SPÖ wurde von Leuten aus der zweiten Reihe - außer Karl Renner und Karl Seitz - gegründet.

Die Abwehr der Besatzungsmächte war ein einigendes Band zwischen SPÖ und ÖVP, die ideologische Klammer war die Opferthese. Damit konnte man auch die Besatzungsmächte oder Befreier kleinhalten und deren Ansprüche auf Reparationszahlungen und den Abbau von Industrieanlagen abwehren.

Das war die Basis, auf der die Zweite Republik lange Zeit funktioniert hat: eine Lebenslüge, die am Anfang eine Notlüge war und die in den späten 1980er Jahren zu bröckeln begonnen hat.

Gerhard Botz ist Professor Emeritus für Zeitgeschichte an der
Universität Wien und Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für
Historische Sozialwissenschaft, das er 1982 gründete.