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Kein Opium fürs Volk

Von Carsten Stormer

Politik

Ehemalige Rebellen arbeiten mit den Vereinten Nationen zusammen. Das gemeinsame Ziel: Burmas Goldene Dreieck, das zweitgrößte Opiumanbaugebiet der Welt, soll bis zum Jahr 2005 drogenfrei werden.


Dicke Regentropfen durchschneiden die diesige Luft. Schwere Nebelwolken verhüllen die Berge des Goldenen Dreiecks von Burma. Dichter, unwegsamer Dschungel prägt die Landschaft. Strassen gibt es so gut wie keine. Mit Ochsenkarren werden die wichtigsten Güter über die weichen, lehmigen Wege transportiert. Hier, im Nordosten Burmas, entlang der chinesischen und thailändischen Grenze, regieren die Wa über ein Gebiet halb so groß wie Deutschland.

Die Wa sind eine ehemalige Rebellengruppe. Ihre 15.000 Mann starke Armee finanzierte sich jahrzehntelang über den Opiumanbau. Seit 1989 herrscht jedoch zwischen den Rebellen und der burmesischen Regierung ein Waffenstillstand. Eine Lösung, die den Wa die Autonomie über das Goldene Dreieck brachte. Offiziell gehört die Region zur burmesischen Union.

Eigentlich könnten die Wa weiterhin ungestört vom Drogenanbau leben - doch sie tun es nicht. "Unser Ziel ist es, den Drogenanbau bis 2005 abzuschaffen", sagt Zhao Aik Nup, Chef des Büros für externe Beziehungen und Mitglied des Wa Politbüros. "Um unser Ziel zu erreichen, benötigen wir jede Hilfe, die wir kriegen können", fügte er hinzu.

Ein Mitglied des Politbüros der Wa nennt den Grund für den Sinneswandel: Seit dem Waffenstillstand sind die Wa für 400.000 Menschen verantwortlich. Deren Überleben kann nicht allein durch den Anbau von Opium gesichert werden. Denn die Millionengewinne entstehen erst später in der Verwertungskette. Bei den Endverbrauchern in den Straßen von Frankfurt, New York oder Peking. Nicht hier, wo die Bauern gerade mal umgerechnet 250 Euro im Jahr verdienen und in erbärmlicher Armut leben.

Die Wa sind auch nicht mehr dringend auf die Erlöse aus dem Drogenhandel angewiesen. Im Gegenzug zum Waffenstillstand bekamen sie nämlich von der burmesischen Regierung großzügige Edelstein- und Holzkonzessionen zugesichert. Hilfe wird trotzdem dringend benötigt. Aber die kommt bisher nur spärlich. "Internationale Gelder fließen nicht. Die Bevölkerung hungert", behauptet ein Mitglied der Wa Regierung. "Wir wollen, dass es unserem Volk besser geht. Wir haben den Drogen deshalb den Kampf angesagt."

Rückgang bei Erntemengen

Keine leeren Worte: Der Opiumanbau in Burma ist in den letzten Jahren um 46 Prozent zurückgegangen. Nach Angaben der UNO haben die Wa den Opiumanbau sogar um 80 Prozent reduziert. Burmas Drogenbehörde (CCDAC) schätzt, dass 2003 nur noch 400 Tonnen Opium geerntet wurden. Mitte der Neunziger Jahre gab es noch Rekordernten von 2.000 Tonnen.

Der Rückgang der Opiumproduktion hat aber noch andere Gründe: Zum einen ist Afghanistan nach dem Fall des Taliban Regimes auf den ersten Platz in der Hitliste der opiumproduzierenden Länder gelandet. Zum anderen spielt auch Chinas kompromisslose Anti-Drogenpolitik und die immer größere Beliebtheit von synthetischen Designerdrogen eine große Rolle. Die Designerdrogen sind unter ihrem Thai-Namen ya-ba (verrückte Medizin) bekannt. Der niedrige Preis, die leichte Verfügbarkeit und die relativ einfache und kostengünstige Herstellung machen ya-ba zu einem ernstzunehmenden Substitutionsgut.

Auch die UNO glaubt an den Sinneswandel. Das "United Nations Office for Drugs and Crime" (UNODC), die Drogenbehörde der Vereinten Nationen, ist an Ort und Stelle und hilft den Wa bei ihrem Strukturwandel der besonderen Art. Jean-Luc-Lemahieu, Leiter von UNODC in Burma: "Die größte Herausforderung liegt darin, das Verhalten der Opiumbauern zu ändern."

Opium als Allheilmittel

Ein schwieriges Unterfangen. Opium wird seit Generationen angebaut. Die Bauern haben nie etwas anderes gelernt. Opium ist tief im täglichen Leben der Bergbewohner verwurzelt und Bestandteil des Alltags. Es gilt als Wundermittel. Eine medizinische Versorgung existiert nicht. Opium wird daher als Schmerzmittel gegen alles verwendet - Kopf- und Bauchschmerzen, Krebs oder Aids. Andere Medikamente sind entweder nicht vorhanden oder zu teuer. Und es ist eine sichere Einnahmequelle.

Drogenkauf am Wochenmarkt

Auf den Wochenmärkten der Bergdörfer wird das Opium verkauft. In dem kleinen Dorf Pak San bieten ethnische Minderheiten, in leuchtenden Gewändern und bunten Kopftüchern, die braune, klebrige Masse an, eingepackt in Pflanzenblätter oder in Plastik. Daneben: Gewehrpatronen und alte indische Münzen, Überbleibsel aus der Kolonialzeit. Mit ihnen wird die Droge gewogen. Genormte Gewichte sind zu teuer. Umgerechnet 120 Euro kostet ein Kilo Rohopium. Nur wenige Händler konnten soviel ernten. Der Anbau von Opium ist Knochenarbeit. Es dauert sechs Monate bis geerntet werden kann. Die Ausbeute ist meistens gering. Die Bauern besitzen nicht genügend Land.

Um die wackeligen Tische, auf denen das Opium liegt, drängen sich die Menschen: Angehörige der verschiedenen Volksgruppen, Wa, Shan, Lahu oder Palaung, Soldaten in Unform der Wa, chinesische Händler. Aufgrund der Nähe zu China wird nur der Yuan - die chinesische Währung - akzeptiert. Die Uhren stehen auf Pekingzeit. Die Verständigung erfolgt auf Chinesisch oder im Dialekt der Wa.

Das meiste Opium wird von Zwischenhändlern aus China aufgekauft. Im unwegsamen Niemandsland wird es zu Heroin verarbeitet. Zehn Kilo Opium werden benötigt, um ein Kilo Heroin herzustellen. In Burma kostet ein Kilo Heroin 4.000 Euro. Nur wenige Kilometer weiter, in China, bereits 40.000 Euro. Das Risiko ist gering. Korrupte Zöllner, Soldaten und jahrhunderte alte Schmugglerrouten tragen dazu bei.

Die Höhenlage, das Klima und die Beschaffenheit des Bodens im Goldenen Dreieck bieten optimale Bedingungen für den Anbau von Rohopium. Gleichzeitig lässt der karge Boden der Berghänge nur eine einzige Reisernte zu. In anderen Teilen Burmas versorgen bis zu drei Reisernten jährlich die Bevölkerung mit dem benötigten Grundnahrungsmittel. Wer überleben will, muss zusätzlich Opium kultivieren. Deshalb will das Wa Politbüro bis zum Jahr 2005 bis zu 100.000 Menschen von den unfruchtbaren Berghängen in die fruchtbaren Täler umsiedeln. Der Plan klingt einfach: Experten sollen den Bauern zeigen, wie die Felder in den Tälern bewässert werden können. Bewässerungssysteme sollen Felder und Dörfer das ganze Jahr versorgen, Saatgut und Wasserbüffel den Dorfgemeinschaften den Start in ein neues Leben ermöglichen. So kann auch in der Trockenzeit geerntet werden - neben dann mehreren Reisernten auch Soja und Kohl.

Fehler bei Umsiedelung

Der Umsiedlungsprozess gestaltet sich allerdings schwierig, wirkt manchmal sogar brutal und unmenschlich. Nicht immer freiwillig müssen die Bergbauern mit ihren Familien tagelange Fußmärsche auf sich nehmen - durch dichten, menschenfeindlichen, malariaverseuchten Dschungel. Auf dem Weg in die Täler sterben vor allem Kinder und alte Menschen an Krankheiten, Hunger und den Strapazen der langen Reise.

Am Ziel angekommen fehlte oftmals Saatgut und Know-how, um den Boden zu bestellen. Das Hungern ging also weiter. Einige der Verzweifelten bauten erneut Opium an, um zu überleben. Die Armee der Wa, die United Wa State Army (UWSA) reagierte mit Kalaschnikows und Panzerfäusten, vernichtete die Ernte und brannte die Felder nieder. Die Bewohner blieben ohne Einkomen, ohne Hoffnung zurück.

Der Agrarminister der Wa, Phung Ding, gibt Fehler zu: "Wir sind ungebildet, müssen noch viel lernen, damit wir unser Ziel erreichen. Wir sind auf die Hilfe der UNO angewiesen. Wir haben aus unseren Fehlern gelernt und werden es in Zukunft besser machen", verspricht er.

Das UNODC hilft, wo es nur kann und kümmert sich beispielsweise um die Bewohner des Dorfes Song Keh, umgesiedelt 1999. Mittlerweile besitzt die Ansiedlung Elektrizität und eine medizinische Versorgungsstation. Eine Schule soll folgen. Bis heute ist die UNO die einzige Hilfsorganisation, die sich in diesem Teil Burmas engagiert.

Das Dorf strotzt immer noch vor Armut. Dreckverkrustete Kinder mit von Mangelernährung aufgeblähten Bäuchen spielen im Staub. Trotzdem will das Dorfoberhaupt, Aii Sa, nicht in das Hochland zurück. "Wir hatten weniger zu essen, weniger Land, weniger Geld. Genug zu essen haben wir immer noch nicht, aber jetzt geht es uns viel besser als zuvor."

Inzwischen sind in der ganzen Region Arbeiten an Bewässerungskanälen zu beobachten. Bauern werden mit Saatgut ausgestattet, Vieh wird zur Verfügung gestellt.

Nicht nur die Bevölkerung im Goldenen Dreieck würde von einem erfolgreichen Ablauf der Umsiedlung und dem daraus resultierenden Verbot von Opium, dem Rohstoff für Heroin, profitieren. Die Konsequenz: Weniger Drogen wären auf dem Weltmarkt zu finden. Die Ansätze sind da. Ob das Vorhaben allerdings Erfolg haben wird, hängt davon ab, wie weit die lokalen Führer immer noch in feudalen sozialen Strukturen verankert sind. Ob die Versprechungen nur armselige Lippenbekenntnisse ehemaliger Rebellen sind, und ob sich die internationale Gemeinschaft durchringen kann, dringend benötigte Hilfsgelder für den Kampf gegen das weiße Gift zur Verfügung zu stellen. Sonst ist der Kampf gegen Drogen schon verloren.