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Kein Osterfriede zwischen den Kirchen

Von Stefan Schocher

Politik

Vor dem orthodoxen Osterfest, das dieses Wochenende gefeiert wird, hat sich der Konflikt zwischen der russischen Orthodoxie in der Ukraine und dem Kiewer Patriarchat zugespitzt: Es gab eine Reihe tätlicher Angriffe.


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Pechersk ist ein schmucker Bezirk in Kiew: Weiträumige Kastanienalleen, riesige Parks, der weite Blick von den Hügeln über den Dnipro auf das linke Ufer, Basteien, goldene Kuppeln, Beton-Barrikaden. Pechersk ist das Regierungsviertel. Und Pechersk ist jener Stadtteil, in dem sich in diesen Tagen die religiöse Dimension von Russlands Krieg gegen die Ukraine kristallisiert.

In Pechersk liegt das Pecherska Lavra, das Kiewer Höhlenkloster - ein Ort, den die Moskau-treue ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK) als eines ihrer zentralen Heiligtümer betrachtet. Ein Ort ist Pechersk demnach auch, der vielen Ukrainern symbolisch wie buchstäblich für Russlands Anspruch auf die Ukraine steht.

Imperiale Träume

Vor allem vor den Osterfeierlichkeiten am Sonntag hat sich dieser Konflikt zwischen den Moskau-treuen Kirchenmännern in der Ukraine, der ukrainischen Staatlichkeit sowie nicht zuletzt aber auch der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats massiv zugespitzt. So wurden nach mehreren Vorfällen in den Wochen vor Ostern in einigen Regionen die Aktivitäten der UOK beschränkt. In mehreren Regionen wurden der UOK Landrechte entzogen. In Lemberg wechselten Popen der UOK letztlich geschlossen die Seiten zum Kiewer Patriarchat. Und Pecherska Lavra: Das ist rein rechtlich schon seit Ende 2022 nicht mehr in der Hand der UOK. Der Pachtvertrag zwischen Staat und der Moskau-treuen Kirche wurde gekündigt. Einige Popen weigern sich allerdings, das Kloster zu verlassen.

Der Konflikt zwischen der Moskau-treuen Kirche in der Ukraine und ukrainischen Kirchen rührt am Ursprung imperialer russischer Träumereien. Kiew ist die Stadt, in der im Jahr 988 die Kiewer Rus christianisiert wurde. In den Augen der russischen Orthodoxie ist Kiew eine Art Jerusalem. Dem gegenüber stand allerdings über die Jahrhunderte immer auch ein ukrainisches geistliches Selbstverständnis - heutzutage verkörpert durch die Orthodoxe Kirche der Ukraine des Kiewer Patriarchats.

Radikale Worte

In Putins imperialen Fantasien gegenüber der Ukraine spielt die russische Kirche demnach eine zentrale Rolle. In Moskaus Rhetorik sind die Worte des russisch-orthodoxen Kirchenoberhaupts Patriarch Kyrill I. eine tragende Säule. Zuletzt meinte ein russisch-orthodoxer Pope im russischen Staatsfernsehen auch erneut, alle Ukrainer müssten abgeschlachtet werden.

Und diese Geisteshaltung sickert hinunter in Kirchengemeinden in der Ukraine selbst: Zuletzt griff da etwa ein Moskau-treuer Kirchenmann in der westukrainischen Stadt Khmelnytskyi einen ukrainischen Soldaten tätlich an, der in seiner Kirche beten hatte wollen. In Chernivtsi stürmten russische Popen eine Kirche und störten einen Gedenkgottesdienst für einen ukrainischen Soldaten. Diese Liste ließe sich fortsetzen.

Wie eng aber auch die direkten Verstrickungen lokaler Moskau-treuer Kirchengemeinden in der Ukraine mit Russland sind, verdeutlichen Ergebnisse von Razzien und Hausdurchsuchungen ukrainischer Sicherheitsdienste: Da fanden ukrainische Ermittler in Liegenschaften der UOK russisches Propagandamaterial sowie auch vermutlich direkt aus Moskau stammende Handlungsanweisungen. Auch Waffen sollen in Russland-treuen Kirchen und Klöstern gehortet worden sein, so Augenzeugen.

Gegen den Abt des Kiewer Höhlenklosters, Metropolit Pawlo, hat die ukrainische Staatsanwaltschaft jetzt auch ein Strafverfahren eingeleitet. Ihm wird Anstiftung zu religiöser Feindschaft und Hass gegen die Orthodoxe Kirche der Ukraine sowie das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel vorgeworfen.

Seit Russlands breitem Angriff auf die Ukraine wird es für die Moskau-treue Kirche allerdings argumentativ eng. Denn die Gefolgschaft der UOK vereinte bisher zumindest keinesfalls nur Personen mit klar Russland-zentriertem Weltbild. Offiziell verweigerte die UOK im Mai 2022 Moskau auch die Gefolgschaft - ein Schritt, der allerdings angezweifelt wird. Und wie die jüngsten Aktionen Moskau-treuer Popen in der Ukraine zeigen, durchaus zu Recht.

Rufe nach generellem Verbot

Dass nun Rufe nach einem generellen Verbot dieser Kirche laut werden, ist die Folge davon. Ein entsprechendes Gesetz liegt auch bereits der Rada in Kiew vor. Es sieht ein generelles Verbot religiöser Organisationen vor, deren Leitungszentrum in Russland liegt.

Das Regionalparlament der nordwestlichen Region Wolyn hat ein solches Verbot bereits einstimmig beschlossen - ein eher symbolischer Akt, denn die Materie obliegt nicht der Verantwortung von Oblasten, also Regionen. Aber der Schritt ist symbolträchtig: Wolyn, das über Jahrhunderte zwischen ukrainischen Autonomiebestrebungen, Russland, der k.u.k. Monarchie und Polen umstritten war, galt bisher aufgrund intensiver zaristischer Kolonialisierungsbestrebungen als russisch-orthodoxe Hochburg in der Westukraine.

Zur Begründung für den Beschluss hieß es seitens des Regionalparlaments: Geistliche hätten bei der Planung von Militärschlägen und der Besetzung von Städten geholfen oder Waffen gelagert. Einher ging das Verbot mit einem Aufruf an Gläubige, "alle Verbindungen zur russisch-orthodoxen Kirche abzubrechen und endlich die endgültige religiöse Unabhängigkeit der Ukraine von Moskau zu erreichen". Wie der örtliche Metropolit der Orthodoxen Kirche der Ukraine, Metropolit Michael, dazu betonte: Es handele sich nicht um einen Kampf gegen eine Kirche, sondern um einen "Kampf gegen eine religiöse Organisation, die spirituelle Themen im politischen Sinne benutzt".