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"Kein Platz für einen pensionierten Papst"

Von Christian Lowe und Bruno Bartoloni

Politik

Vatikanstadt - Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Papst Johannes Paul II. vollständig auf den Rollstuhl angewiesen ist. Schon jetzt kann er kaum noch gehen, schaffte es an seinem Geburtstag am Samstag gerade von einem rollenden Podest auf seinen Platz. Seine Hand zittert, sein Gesicht ist verzerrt, das Sprechen fällt ihm schwer. Zum ersten Mal ist sogar unter Kardinälen von Abdanken die Rede. Aber der Geist des 82-Jährigen ist hellwach und sein Wille ungebrochen: Heute reist er nach Aserbaidschan. "In der Kirche ist kein Platz für einen pensionierten Papst", sagte er einmal.


Auch sein Leibarzt Renato Buzzonetti kann nicht verhindern, dass es mit der Gesundheit des Papstes weiter abwärts geht. Bei seiner letzten Auslandsreise nach Zentralasien vor acht Monaten konnte Johannes Paul II. noch am Stock gehen, seine Reden waren recht gut zu verstehen, und hätte nicht seine linke Hand so stark gezittert, wäre seine Parkinson-Erkrankung wohl kaum aufgefallen. Mittlerweile hat die Krankheit auch seine rechte Körperhälfte erfasst, und bisweilen schleppt sich der Papst so gekrümmt voran, dass sein Gesicht kaum noch zu sehen ist.

Seit Ostern ist es noch schlimmer geworden. Kurz vor den Feiertagen quälten den Pontifex heftige Arthrose-Schübe im rechten Knie - so sehr, dass er erstmals in den mehr als 23 Jahren seiner Amtszeit mehrere Zeremonien im Sitzen leiten musste. Italienische Orthopäden sehen die Arthrose als Spätfolge eines Oberschenkelhalsbruches im Jahr 1994. Seitdem kann der Papst nicht mehr richtig gehen und verlor zusehends an Muskelkraft - er, der früher so sportlich war: Er fuhr Ski und ging Wandern, schwamm und fuhr Rad, sogar Fußball spielte er. Dieses Jahr erlaubt ihm Doktor Buzzonetti nicht einmal seinen gewohnten Urlaub in den Bergen.

Wenn Johannes Paul II. am Mittwoch nach Aserbaidschan reist, knüpft er damit an seine letzte Reise nach Kasachstan und Armenien an. Aserbaidschaner und Armenier kämpfen seit 1988 um die Enklave Berg-Karabach, die auf aserbaidschanischem Territorium liegt, aber fast ausschließlich von Armeniern bewohnt und von armenischem Militär kontrolliert wird. Nachdem der Papst also zuletzt in Eriwan zu Besuch war, muss er jetzt nach Ansicht der aserbaidschanischen Katholiken auch Baku besuchen, um das Gleichgewicht zwischen den zerstrittenen Republiken in diesem Punkt wiederherzustellen.

Die Reise des Papstes sei als Botschaft des Friedens und der Einheit zu verstehen, sagte sein Nuntius in der Region, Erzbischof Claudio Gugarotti, vor wenigen Wochen. In der ehemaligen Sowjetrepublik trifft das Oberhaupt der katholischen Kirche auf eine der kleinsten katholischen Gemeinden der Welt. Höchstens 150 Katholiken leben dort neben mehreren hunderttausend Orthodoxen - und einer Mehrheit von Moslems.

Am Donnerstag soll der Papst seine 96. Auslandsreise in Bulgarien fortsetzen. Gebeugt vermutlich, unter Schmerzen bestimmt, aber offenbar mit eisernem Willen.