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Kein Rezept gegen die Grippe

Von Christoph Rella

Wissen

Impfaktion läuft am 9. November an. | Arzt hegt Zweifel an Gefährlichkeit. | Wien: Stoff bei 21 Impfstellen zu haben. | Wien/Innsbruck. Warum musste sie sterben? Die Rede ist von jener 11-jährigen Boznerin, die Montagabend in der Innsbrucker Landesklinik an den Folgen einer H1N1-Infektion erlegen ist. Das Mädchen ist damit das erste Opfer der Schweinegrippe in Österreich. | Stöger warnt vor Panik: Nur neue Grippevariante | Gute Geschäfte im Umfeld der Schweinegrippe | Schweinegrippe: 493 Erkrankte in Österreich


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Ärzte und Gesundheitsexperten rätseln nach wie vor darüber, warum das Virus gerade bei Kindern so gefährlich ist. Laut Statistik ist jeder Zweite der mittlerweile 493 Grippepatienten in Österreich unter 19 Jahre alt. Bei zehn Fällen handelt es sich sogar um Babys und Kinder im Alter von bis zu neun Jahren. "Man muss einen vernünftigen Weg zwischen Panikmache und Verharmlosung finden", erklärt der Pädiater Karl Zwiauer, Mitglied des Impfausschusses des Obersten Sanitätsrates. Vor allem die Tatsache, dass auch zahlreiche gesunde Kinder ernsthaft erkranken, sei neu und daher eine Gefahr. "Das ist anders als sonst bei der saisonalen Influenza", sagt Zwiauer.

Dass es sich beim H1N1- Virus um keine "normale Influenza" handelt, darüber ist sich auch Ursula Karnthaler vom Fachbereich Infektionsvorsorge in der Landessanitätsdirektion Wien im Klaren. Sie verweist auf die am 9. November österreichweit anlaufende Impfaktion gegen die Schweinegrippe. "Behandelt werden Risikopersonen zwischen 6 Monaten und 49 Jahren", so die Ärztin. "Wir wissen ja, dass vor allem die Jungen betroffen sind." Für einen allfälligen Ansturm auf die insgesamt 21 Impfstellen in Wien sei man aber gerüstet.

Ärzte: "H1N1-Virus nicht gefährlicher als andere"

Kritik an der nun anlaufenden Massenimpfung übt wiederum Rolf Jens, Kurienmitglied in der Sektion Allgemeinmedizin in der Wiener Ärztekammer. "Die Patienten auf den Intensivstationen Europas sterben nicht an der Schweinegrippe, sondern an bakteriellen Infektionen wie Pneumokokken", erklärt Jens. Das Virus sei lediglich der "Türöffner" für die wirklich gefährlichen Infektionen, die im Grunde die Abwehrfunktionen, speziell bei Risikogruppen, schwächen, sagt Jens. Laut einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation sterben die meisten Kinder unter fünf Jahren weltweit an einer Pneumokokken-Infektion.

Er selbst habe sich daher wie die meisten Ärzte nicht gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Das Medikament sei nicht genügend ausgetestet, das Risiko von Langzeitfolgen nicht einschätzbar, so der Funktionär. Dass er mit seiner Meinung nicht alleine ist, beweist die geringe Nachfrage. Bisher hat sich österreichweit gerade einmal ein Viertel des medizinischen Personals impfen lassen.

Dass mittlerweile mehr Antibiotika als sonst, wie anzunehmen ist, verschrieben würden, wundert Jens nicht. Diese würden allein zur Verbeugung gegen Infektionen wie Pneumokokken herausgegeben. Das H1N1-Virus sei nicht "viel gefährlicher" als die saisonale Influenza, "es sind die Infektionen, die gefährlich sind", sagt er. Jens schlägt daher vor, die Risikogruppen zunächst einmal gegen Pneumokokken und gegen die herkömmliche, saisonale Influenza zu impfen. "In Australien haben sie es genauso gemacht und es gab keine Pandemie. Warum also macht man das nicht auch bei uns?"

Ursula Karnthaler von der Wiener Sanitätsdirektion kann diesem Vorschlag wiederum nur wenig abgewinnen. Es sei schon möglich, dass sich zu einer Viruserkrankung auch bakterielle Infektionen "dazugesellen" können, allerdings sei es derzeit ihre Aufgabe, zunächst gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen. Außerdem sei für Risikogruppen wie Frühgeborene oder Kinder mit chronischen Krankheiten bis 15 Jahren die flächendeckende Impfung gegen Pneumokokken ohnehin vorgesehen, fügt Karnthaler hinzu. Erst am 1. Oktober ist dazu in ganz Österreich eine Impfaktion angelaufen.

Ältere Generation gegen Schweinegrippe immun?

Eine schiefe Optik ergibt sich allerdings trotzdem bei den Kosten. Während eine Impfung gegen das H1N1- Virus gerade einmal 4,90 Euro kostet, schlägt sich eine Pneumokokkenimpfung für Kinder ohne Risikofaktor sowie für Erwachsene mit stolzen 72,40 Euro pro Dosis zu Buche. Schwer erklärlich ist auch, dass zunächst nur Menschen unter 50 Jahren Zugang zu einem H1N1-Impfstoff erhalten.

Rolf Jens von der Ärztekammer begründet dies damit, dass die Schweinegrippe in Österreich eigentlich "nicht neu" sei. Demnach habe es das Virus in unseren Breiten bereits vor einigen Jahrzehnten gegeben, wobei die damalige Generation letztendlich immunisiert worden sei, sagt Jens. Das erkläre, warum heute die jungen Menschen mehr gefährdet sind, als etwa Angehörige der älteren Generation. Und hier allen voran die Kinder.