(K)ein Rückzug aus dem Reich der Mitte

Von Julian Mayr

Wirtschaft

Europäische Unternehmen bleiben mehrheitlich in China, sehen sich aber zunehmend nach alternativen Standorten um.


Das wohl restriktivste Vorgehen aller Länder gegen die Covid-19-Pandemie, ein seit Jahren währender Handelskrieg mit den USA und machtpolitische Muskelspiele mit den Nachbarn. Während insbesondere Europa weiterhin mit hohen Teuerungsraten kämpft, zeigt die Entwicklung in China Richtung Deflation. Das Image als einst florierender und hochgradig stabiler Wirtschaftsstandort bröckelt. Ausländische Unternehmen sehen sich laut der Europäischen Handelskammer in China (ECCC) bereits nach alternativen Standorten um.

Neun Prozent der europäischen Unternehmen hätten sich schon entschieden, laufende oder geplante Investitionen aus China zu verlagern, so ECCC-Präsident Jörg Wuttke. Weitere sieben Prozent erwägen einen solchen Schritt, erklärt er mit Blick auf eine Umfrage, die im Juni veröffentlicht werden soll.

Insgesamt also jedes sechste Unternehmen aus Europa überlegt, eine Verlagerung seiner Geschäftstätigkeit aus dem Reich der Mitte - immerhin weniger, als noch im Vorjahr, als jedes vierte Unternehmen ähnliche Schritte in Erwägung zog. Grund waren damals primär noch die Einschränkungen infolge der Pandemie, doch dem Trend der Abwanderung liegt ein Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren zugrunde, wie Alfred Gerstl, Spezialist für Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Indo-Pazifik von der Uni Wien meint.

Konjunktur der Hauptfaktor

Unbestritten ist die geopolitisch angeheizte Lage als Unsicherheitsfaktor für Unternehmer und Investoren: "Dass man nicht weiß, wohin sich China entwickeln wird, spielt natürlich eine Rolle", so Gerstl. Auch zahlreiche westliche Politiker sprechen nicht selten unverhohlen von China als "Systemgegner", wie zuletzt etwa Deutschlands Wirtschaftsminister Christian Lindner. Sie wollen ihre Abhängigkeiten wo nur möglich verringern.

Laut Gerstl sind es aber in erster Linie allgemeine konjunkturelle Kennzahlen, die Aufschluss darüber geben, warum China als Standort an Attraktivität verloren hat.

Der einstige Wachstumsmotor stottert: "Die Arbeitskosten in China sind in den letzten Jahren stark gestiegen, die Wachstumszahlen gehen zurück", erklärt der Politologe. 2022 lag das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) bei unter drei Prozent. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) wird Chinas Wirtschaftswachstum ab 2023 in den folgenden Jahren kontinuierlich geringer ausfallen.

Wenig überraschend ist auch der Ausbau bestehender europäischer Geschäftsaktivitäten in der Volksrepublik im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. "Die Hälfte unserer Mitglieder sagt uns, dass sie in China sind und in China expandieren wollen", sagte Wuttke. Im vergangenen Jahr hätten noch 67 Prozent der Befragten Firmen Expansionspläne angekündigt.

Doch von einer unternehmerischen Flucht aus China, kann kaum die Rede sein. Die überwiegende Mehrheit der europäischen Firmen bleibe laut ECCC weiterhin in China engagiert. "Wir sehen keinen Rückzug, vielmehr eine Absicherung. Der chinesische Markt ist einfach zu groß, als dass man ihn außer Acht lassen könnte. Man braucht eine Vertretung vor Ort, um ihn richtig bearbeiten zu können", so Gerstl.

Chinas Anteil an der globalen Wertschöpfung wird auch in den nächsten Jahren weiter steigen. Und die Abhängigkeit Europas von China und umgekehrt ist schlicht zu groß, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unlängst zeigte. "Viele Unternehmen - darunter auch österreichische - möchten nicht mehr nur auf ein Pferd, den chinesischen Markt, setzen", sagt Gerstl. Der größte Anteil wechselwilliger europäischer Unternehmen will laut ECCC auch nicht in die Ferne schweifen. Von den Firmen, die sich in
diesem Jahr für andere Märkte entschieden hätten, planen 42 Prozent, in andere asiatische Länder auszuweichen - nur etwa 21 Prozent der Unternehmen ziehen den Standortwechsel nach Europa in Betracht.

China bereits Schritt voraus

"Gerade die Länder in der Nachbarschaft, Vietnam, Malaysia, Thailand oder Indonesien, die niedrigere Lohnkosten haben, werden zunehmend interessanter als Standort", erklärt auch Gerstl. Diese seien für westliche Produzenten riesige und relativ stabile Märkte mit hohen Wachstumsraten und einer zunehmend kaufkräftigen und konsumfreudigen Mittelschicht.

Eine Entwicklung, die chinesische Unternehmen ihrerseits nicht verschlafen haben dürften, meint der Experte für die Region: "China ist bereits eingebettet in die regionalen Produktionsketten- und Netzwerke. Die Europäer folgen damit in gewisser Weise den chinesischen Unternehmen."