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Kein Schrebergarten für Kwami Ogonno

Von Michael Schmölzer

Europaarchiv

Wallraff sorgt bei Vortrag in Wien für Betroffenheit. | Wien. Günther Wallraff hat sich wieder verkleidet: Nachdem er bereits als türkischer Gastarbeiter, griechischer Widerstandskämpfer und Bild-Journalist soziale Missstände aufgedeckt hat, ist er jetzt als Somalier Kwami Ogonno durch Deutschland getingelt. Im Adolf-Czettel-Bildungszentrum der AK Wien hat er von seinen Erfahrungen, die am 12. Februar als Film in die österreichischen Kinos kommen, berichtet.


Das Wiener Publikum wusste angesichts der wallraffschen Ausführungen nicht, ob es lachen oder weinen sollte: Der Undercover-Autor ist mit schwarzer Farbe im Gesicht in Milieus deutscher Spießbürgerlichkeit eingedrungen ("Expeditionen ins Landesinnere" nennt Wallraff deshalb ein entsprechendes Buch im Untertitel) - und stieß dort auf wenig Gegenliebe. Als er sich um einen Jagdschein bemüht, wird ihm - obwohl er alle formellen Voraussetzungen erfüllt - mit der Polizei gedroht. Wenig erfolgreich verläuft der Versuch, Mitglied in einem Kleingartenverein zu werden. Die zur Anmeldung nötigen Formulare werden ihm zunächst als "geheim" vorenthalten und dann aus der Hand gerissen. Als Wallraff alias Kwami Ogonno seinen Hund in der Hundeschule anmelden will - "bei dem Tier handelte es sich um einen deutschen Schäferhund, einen von&zu mit Stammbaum", wie Wallraff betont, versucht man, ihn mit dem Hinweis auf einen angeblichen Aufnahmestopp abzuwimmeln.

Mit dem Erfolgsfilm "Borat" will Wallraff seine Produktion nicht verglichen wissen. Während der skurrile Mann aus Kasachstan höchst provokantes Verhalten an den Tag legt, habe er als Kwami Ogonno stets höflich und zurückhaltend agiert. Das Fazit des Verkleidungs-Künstlers: "Es sind zu wenige Menschen aus anderen Kulturen unter uns." Wichtig sei, dass bereits Kinder aus verschiedenen Kulturkreisen gemeinsam aufwachsen, denn: "Kinder definieren ihre Freunde nicht über die Hautfarbe." Peter Huemer, österreicherischer Publizist und Moderator der Veranstaltung konstatiert unter Beifall: "Die deutsche und die österreichische Gesellschaft sind im Umgang mit Fremden unglaublich rückständig."

Roma-Debatte: Wenn Weiße das Problem sind

Toleranz-Defizite sind auch beim Symposium "Roma-Diskurse: Rassismus in Zeiten der Krise" das Top-Thema. Bei der vom Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC) organisierten Veranstaltung geht es um Übergriffe auf die Minderheit und um Möglichkeiten der Integration. Aber nicht nur: Iovanca Gaspar, die bei der für Integration zuständigen Wiener MA 17 arbeitet, wartet im Albert-Schweizer-Haus mit einer provokanten These auf: "Wir Roma haben zahlreiche Probleme mit euch Gadsche (die Nicht-Roma-Bevölkerung Anm.). Ihr wollt über uns verfügen, ohne uns einzubinden, ohne, dass wir überhaupt nach unserer Meinung gefragt werden."

Gegenüber der "Wiener Zeitung" präzisiert Gaspar, die zu KP-Zeiten in einer rumänischen Roma-Siedlung aufgewachsen ist, was viele Vertreter ihres Volkes denken: "Die Gadsche wirken auf uns wie Maschinen, wie programmierte Computer. Sie leben nach vielen Regeln und wollen, dass wir diese Regeln übernehmen. Man fragt uns nicht, das macht uns wütend."

Die Aussicht auf Ableistung des Militärdienstes etwa sei für viele junge Roma ein Horror, sagt Gaspar. Auch wenn es innerhalb der Community Gewalt gebe: "Wir sind ein friedliches Volk, der Begriff Nation, das Kämpfen und Sterben für ein Land, damit können wir nichts anfangen." Zum Thema Gehorsam und Disziplin in der Armee meint sie: "Da fragen wir uns, wofür? Wir haben hunderte Jahre ohne Regeln gelebt, das kann sich nicht auf Befehl ändern." Dabei rät Gaspar zu mehr Selbstbewusstsein: "Bei uns gelten Gadsche automatisch als gebildet und reich, als etwas Besseres eben. Da sind Minderwertigkeitskomplexe vorhanden, die nicht notwendig wären."