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Kein Sieg, keine Niederlage

Von David Ignatius

Politik
Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Ein Blick auf die neue Afghanistan-Strategie der USA, nach einem Gespräch mit dem Kommandanten der US-Streitkräfte in Kabul.


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Kann die neue Afghanistan-Strategie von US-Präsident Donald Trump die Dynamik des längsten und frustrierendsten Kriegs der USA ändern? Haben die US-Kommandanten jetzt wirklich eine bessere Erfolgschance als vor 16 Jahren, zu Beginn des Konflikts? Diese Fragen habe ich am Dienstag (telefonisch) General John "Mick" Nicholson Jr. gestellt, der seit mehr als 18 Monaten die US-Streitkräfte in Kabul kommandiert. Zum ersten Mal traf ich Nicholson vor 10 Jahren in Jalalabad, als Oberst einer Gebirgsbrigade. Damals unterstützten die Stammesfürsten ausdrücklich die US-Mission und Entwicklungsteams der USA bauten Straßen und Schulen, davon ausgehend, dass Wirtschaftswachstum Stabilität nach sich ziehen würde. Es ist anders gekommen. Nicholson spricht von zwei Fehlern: US-Kommandanten war offenbar nicht klar, wie erheblich die Unterstützung aus Pakistan den Aufstand der Taliban stärkt und ihnen war nicht klar, wie Korruption die afghanische Sicherheitsstruktur, die die USA aufzubauen versuchten, zerstört hat. Für Pakistan dürfte die neue Strategie neue Sanktionen bringen - wegen der Unterstützung von Terrorgruppen, zum Beispiel dem Haqqani-Netzwerk, das US-Soldaten und ihre Verbündeten tötet. Wird die neue Strategie funktionieren? Viele Beobachter bezweifeln, dass sie zum Sieg führt, aber wohl auch nicht zu einer glatten Niederlage. Die Experten sind sich einig, dass die USA durch Truppenverstärkung und andere Maßnahmen das gegenwärtige Patt aufrechthalten können: Die Taliban kontrollieren rund die Hälfte der ländlichen Gebiete und die Zentralregierung hält Kabul und andere Großstädte. Der Aufwand der USA verringert die Wahrscheinlichkeit, dass die afghanische Regierung in den nächsten zwei bis drei Jahren zusammenbricht. Warum hat Trump seine erste, skeptische Sicht aufgegeben und unterstützt jetzt Nicholson und die Generäle seines nationalen Sicherheitsteams? Warum ignoriert dieser Wharton-School-Absolvent den Rat, den Wirtschaftsprofessoren oft geben, dass der bereits getätigte Aufwand nicht automatisch weiteres Investment rechtfertigt? Die Antwort ist nicht wirklich kompliziert: Trump will nicht der Präsident sein, der einpackt und nach Hause geht. Was für Trumps Afghanistan-Politik spricht, ist, dass sie eine Niederlage vermeidet, relativ kostengünstig. Die Plattform bleibt, von der aus gegen (wie Trump sagt) zwanzig Terrorgruppen vorgegangen werden kann und auch die Basis, von der aus die USA ganz aus der Nähe Pakistans Atomwaffen im Auge behalten können. Schnelle Gewinne der Taliban werden vereitelt. Die Chance für eine Schlichtung bleibt. Das sind würdige Ziele. "Wir haben nicht die, einfach wegzugehen", sagt Nicholson: "Es würde andere Terroristen weltweit beflügeln." Trump soll den langsamen Fortgang der US-Kampagne in Afghanistan ursprünglich als so frustrierend empfunden haben, dass er Nicholson feuern wollte. "Die US-Bürger haben den Krieg ohne Sieg satt", sagte Trump . Es wird aber keine Siegesparaden geben, allerdings auch keine regelrechte Niederlage.

Übersetzung: Hilde Weiss