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Kein Tag ohne neue Terrorwarnung

Von Thomas Müller

Politik

Washington - Ein Appartement-Gebäude in Kalifornien gerät in Brand, in Oklahoma rammt ein Schiff eine Brücke, bringt sie zum Einsturz - und die erste Frage im Kopf vieler Amerikaner ist immer: War es vielleicht ein Anschlag?


Mehr als acht Monate nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon wächst die Nervosität in den USA wieder. Kaum ein Tag vergeht, an dem die Behörden nicht vor neuen Attentaten warnen. Und nichts und niemand bleibt von den Warnungen ausgeschlossen.

Taucher sind plötzlich verdächtig, Piloten von Kleinflugzeugen sollen ein Augen auf ihre Kollegen haben, in der U-Bahn werden die Passagiere aufgefordert, alles Verdächtige zu melden, die Besucher der Freiheitsstatue werden mit Digitalkameras gescannt. Atomkraftwerke und Brücken könnten Ziel von Terroristen sein.

Warum die Amerikaner mit einem Mal mit Warnungen überschüttet werden, ist für viele nicht ganz ersichtlich. Schließlich betonen die Behörden immer wieder, dass die Hinweise auf Anschläge äußerst vage seien, aber sie wollten dennoch die Öffentlichkeit informieren. Ob sie damit zu einer erhöhten Sicherheit beitragen oder die Menschen nur abstumpfen, ist unter Beobachtern umstritten. So meinte Senator John McCain, parteiinterner Rivale von Präsident George W. Bush, die Amerikaner würden die Warnungen bald nicht mehr ernst nehmen.

Kritiker vermuten auch, dass die Regierung damit möglicherweise von Anschuldigungen ablenken wolle, sie habe die Warnungen vor dem 11. September nicht ernst genommen. Besonders das FBI und der Geheimdienst CIA sind einem wahren Kreuzfeuer der Kritik ausgesetzt. Der US-Kongress leitete eine Untersuchung ein, um zu klären, warum die Geheimdienste und Polizei die vielen Hinweise vor dem 11. September nicht zu einem Gesamtbild verbinden und damit die Anschläge verhindern konnten.

Auch die Regierung geriet in Erklärungszwang, nachdem bekannt wurde, dass Präsident George W. Bush im August über eine Bedrohung durch das El-Kaida-Netzwerk vom Geheimdienst informiert wurde und dabei die Entführung von amerikanischen Flugzeugen angesprochen wurde. Auch wenn nur wenige Bush vorwarfen, er hätte nicht genügend getan, um die USA zu schützen, so wollten doch viele wissen, wann genau Bush was gewusst hatte.

Seit das August-Treffen bekannt wurde, überschlagen sich Minister und Behörden mit düsteren Warnungen. Vizepräsident Richard Cheney erklärt, dass ein neuer Terrorangriff "fast sicher" sei. "Es ist keine Frage, ob, sondern wann." Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zeigte sich überzeugt, dass Terroristen auch in den Besitz von Nuklearwaffen gelangen könnten. Und FBI-Chef Robert Mueller machte auch dem letzten Amerikaner deutlich, dass es keine absolute Sicherheit mehr geben könne. Mueller sagte, er erwarte in den USA Selbstmordanschläge auf öffentlichen Plätzen ähnlich wie in Israel. Solche Anschläge seien "unausweichlich".