Zum Hauptinhalt springen

Kein Urknall, sondern neue Chancen

Von Pascal Lamy

Europaarchiv

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 20 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Die europäische Erweiterung, die am 1. Mai 2004 vollzogen wurde, ist ein herausragendes Ereignis und ohne Frage die größte Errungenschaft Europas aller Zeiten. Sie ist von geopolitischer Bedeutung. Im Wirtschaftsjargon würden wir sagen, die fünfzehn derzeitigen Mitgliedstaaten "fusionieren" mit zehn Ländern in ihrem Osten und Süden. Diese Erweiterung wird große Vorteile bringen, nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich.

Drei Zahlen in Verbindung mit der Erweiterung genügen, um die Herausforderungen zu ermessen: Unsere Bevölkerung steigt um 20 %, die Anzahl der Mitgliedstaaten um zwei Drittel und das BIP um 5 %. Die Erweiterung impliziert die Integration von Volkswirtschaften mit sehr unterschiedlichem Entwicklungsstand und sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Strukturen - und dies vor dem Hintergrund einer vollständigen Transformation der Wirtschaft der betroffenen Länder. Die Vielfalt in der EU wird ohne jeden Zweifel zunehmen: Der Anteil des öffentlichen Sektors und der Landwirtschaft in den Volkswirtschaften der neuen Mitglieder ist im Durchschnitt wesentlich höher als in den derzeitigen EU-Ländern. Ihre Industrie ist generell stärker auf arbeitsintensive Sektoren spezialisiert als die der EU. Die Struktur der beitretenden Länder ist also in einem hohen Maße komplementär zur der der derzeitigen EU-Länder. Es gibt allerdings wesentliche Unterschiede in Bezug auf Technologie, Produktivität und vorhandenes Kapital.

Auch die Einkommensdisparitäten innerhalb der EU werden durch die Erweiterung zunehmen. Fraglos wird die Verringerung des starken Vermögens- und Entwicklungsgefälles große Anstrengungen erfordern. Wir haben hier eine historische Pflicht zur Solidarität.

So beeindruckend wie die Veränderungen ist aber auch der potenzielle Nutzen: Durch diese "freundliche Fusion" wird ein Markt mit mehr als 450 Millionen Verbrauchern entstehen, größer als die USA, Mexiko und Kanada zusammen. Dieser Markt hat einen Anteil von rund 20 % am Welthandel und erwirtschaftet mehr als ein Viertel des Welt-BIP. Er bietet eindeutig ein enormes Potenzial - die österreichischen Unternehmen haben bereits begonnen, es zu nutzen.

Eins ist jedoch klar: Die Erweiterung am 1. Mai ist kein Urknall. Tatsächlich haben wir in den letzten 15 Jahren bereits ein beeindruckendes Maß an Interdependenz unserer Wirtschaften erreicht. Handel und Investitionen waren dabei die Hauptintegrationswege. Aus der Handelsperspektive gesehen wurde die Erweiterung schon in den 90er Jahren vollzogen, als wir mit dem Abschluss der Europa-Abkommen den Handel öffneten. Heute erfolgen bereits 95 % unseres Handels mit den neuen Mitgliedstaaten ohne jede Beschränkung. Bereits 70 % des Handels der neuen Mitgliedstaaten wird mit der EU abgewickelt.

Der massive Investitionszufluss war ein weiterer Motor der wirtschaftlichen Integration: Seit 1989, d. h. seit Beginn des Transformationsprozesses, flossen mehr als 150 Mrd. Euro an ausländischen Direktinvestitionen in die künftigen Mitgliedstaaten. Zwei Drittel des Nettokapitalzuflusses in die neuen Mitgliedstaaten stammten aus den derzeitigen Mitgliedstaaten.

Ergebnis der Globalisierung

Wird also heute argumentiert, die Erweiterung werde zur Verlagerung der Produktion aus den derzeitigen EU-Ländern in die zehn neuen Mitgliedstaaten führen, so muss darauf hingewiesen werden, dass dieser Schritt im Handel und bei den Investitionen bereits hinter uns liegt, da die Wirtschaft die Erweiterung schon seit Anfang der 90er Jahre vorweggenommen hat.

In der Tat sind es jetzt die neuen Mitgliedstaaten, die beginnen, sich über Standortverlagerungen aus ihren Ländern weiter nach Osten, nach Russland oder in die Ukraine oder sogar nach China oder Indien zu sorgen. Dies zeigt, dass die zunehmende externe Konkurrenz, mit der sich alte wie neue EU-Länder konfrontiert sehen, weniger eine Frage der Erweiterung ist als vielmehr ein Ergebnis der größeren Möglichkeiten und Herausforderungen nach dem Ende des Kalten Krieges und der nachfolgenden erneuten Globalisierungswelle, die neue, bis dahin verschlossene, Länder politisch und wirtschaftlich geöffnet hat.

Nach der Erweiterung am 1. Mai ist die Botschaft klar: größere Herausforderungen, aber auch größere Chancen für uns alle, denen wir nur gewachsen sein werden, wenn wir alle an einem Strang ziehen.

Pascal Lamy ist der EU-Kommissar für Handel.