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Kein US-Bodycount seit Vietnam

Von Hans Greimel

Politik

Sailiyah - Die Zahl der im Irak-Krieg getöteten Soldaten der Angreifer-Koalition ist exakt bekannt: 125 Amerikaner und 31 Briten kamen ums Leben, drei US-Soldaten werden noch vermisst. Noch völlig im Dunkeln liegt hingegen die Zahl der irakischen Todesopfer. Als sicher gilt lediglich, dass es weit mehr sind als auf Seiten der Koalition.


Im Verlauf des Krieges trat der irakische Informationsminister Mohammed Said el Sahhaf täglich vor die Presse und nannte Zahlen von Todesopfern in der Zivilbevölkerung. Bis zum Fall von Bagdad zählte Sahhaf 600 tote Zivilpersonen. Die Internetplattform http://www.iraybodycount.net hat durch die Auswertung aller verfügbaren Medien-Meldungen bis zu 1.900 zivile Opfer gezählt. Angaben über Tote unter den irakischen Streitkräften gab es jedoch nie. Die bisher genannten Angaben von 2.000 bis 3.000 getöteten irakische Soldaten halten Militäranalysten für bloße Schätzungen.

Genaueres wird unter anderem dadurch erschwert, dass viele Tote in anonymem Gräbern beigesetzt wurden. Zahlreiche weitere sind vermutlich noch unter Trümmern verschüttet. Viele Familien wissen nichts über das Schicksal vermisster Angehörige. Von der "angemessenen finanziellen Unterstützung", die ihnen der entmachtete Staatschef Saddam Hussein versprochen hatte, haben sie nichts gesehen.

Seit dem Vietnam-Krieg zählt das Pentagon die Opfer der gegnerischen Seite nicht mehr. Damals wurde den USA vorgeworfen, die Zahl der vietnamesischen Opfern in den täglichen Berichten künstlich zu erhöhen und einen blutrünstigen Eindruck zu erwecken. "Das ganze wirkte wie ein Fleischwolf", erinnert sich John Pike, Militär-Analyst bei Globalsecurity.org. "Jetzt wollen sie die Öffentlichkeit offenbar glauben machen, es handle sich um ein Computerspiel."In der Hitze der Gefechte sei es unmöglich, den Überblick über die gegnerischen Opfer zu behalten, sagt Frank Thorp, Sprecher des US-Oberkommandos-Mitte in Katar. Außerdem sei die Zahl der Toten niemals ein "Maß für Erfolg" gewesen. "Das Maß für Erfolg war immer die Frage, ob ein Regime gestürzt werden konnte."

Nach dem ersten Einmarsch der US-Truppen in Bagdad am 5. April sprach das Oberkommando von 2.000 bis 3.000 toten irakischen Soldaten. Mindestens 100 Irakis wurden in den Kämpfen um den internationalen Flughafen der Hauptstadt getötet. Vor Kriegsbeginn gingen die US-Regierung und Militärexperten davon aus, dass die irakischen Truppen rund 389.000 Soldaten im aktiven Dienst umfassten, darunter etwa 80.000 Mitglieder der Republikanischen Garden. Hinzu kamen 44.000 bis 60.000 Kämpfer paramilitärischer Kräfte und 650.000 Reservesoldaten. Nach Angaben der USA wurden mehr als 7.000 irakische Kämpfer gefangen genommen, eine ähnlich hohe Zahl desertierte. Rund 16.000 irakische Soldaten haben sich in der westirakischen Provinz El Anbar ergeben. Was mit dem Rest geschah, weiß niemand.

Nach dem Ende der Kämpfe wird es früher oder später Schätzungen über die Opferzahl geben, nicht zuletzt, weil die Koalition Sondereinheiten mit der Bestattung der Leichen beauftragt hat. Auf einem Friedhof in der Nähe des Bagdader Flughafens haben US-Soldaten bereits 103 Gräber ausgehoben. Analysten warnen jedoch davor, dass die ersten Angaben trügerisch sein könnten und erinnern an den Golfkrieg 1991: Damals war zunächst die Rede von bis zu 100.000 toten irakischen Soldaten. Zehn Jahre später sprachen Forscher plötzlich nur noch von 10.000 bis 15.000 Opfern.