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Kein wirklicher Friede in Kolumbien

Von WZ-Korrespondent Tobias Käufer

Politik

Am Freitag jährt sich zum ersten Mal die Unterzeichnung des Friedensvertrages in Kolumbien. Die Stimmung im Land ist ebenso widersprüchlich wie die Ergebnisse des lateinamerikanischen Jahrhundertprojektes.


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Bogotá. Die Mörder kamen mit dem Motorrad: Luz Yeni Montano, Menschenrechtsaktivistin, ist vorerst das jüngste Opfer in der neuen Gewalteskalation in Kolumbien. Die Täter konnten unerkannt entkommen.

Derzeit herrscht eine brutale Menschenjagd in Kolumbien obwohl es in dem südamerikanischen Land eigentlich seit einem Jahr Frieden gibt. Allein seit Jahresbeginn wurden 120 Menschenrechtsverteidiger wie Montano ermordet, die meisten offenbar von neuen paramilitärischen Gruppen.

Laut Susanne Breuer, Kolumbien-Expertin vom Hilfswerk Misereor, sind für die meisten dieser Morde die "organisierte Kriminalität verantwortlich, sowie neue paramilitärische Gruppen und Politiker vom rechten Rand der Gesellschaft, die um ihre Vorherrschaft in den ländlichen Regionen fürchten", wie sie in Bogotá im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt. Einige Aktivisten wurden allerdings auch von der linken ELN-Guerilla sowie Ex-Mitgliedern der eigentlich entwaffneten Farc-Guerilla getötet. Auch in deren Reihen gibt es viele Tote: Seit Unterzeichnung des Friedensvertrages wurden bereits 25 Ex-Guerilleros getötet. Keine wirklich friedliche Bilanz.

Auch die Opfer haben sich nicht geändert. Amnesty International kritisierte am Mittwoch, dass Kinder und Jugendliche weiter von bewaffneten Gruppen rekrutiert werden, und auch sexualisierte Gewalt sei "nach wie vor weit verbreitet". Amnesty-Generalsekretär Salil Shetty erklärte in Bogotá, es bleibe "noch viel zu tun, damit der Friedensprozess einen wirklichen Unterschied im Leben der Menschen macht". Kolumbien stehe an einem Scheideweg.

Vor genau einem Jahr, am 24.November 2016, unterzeichnete Präsident Juan Manuel Santos gemeinsam mit Farc-Guerillaboss Rodrigo "Timochenko" Londono das historische Papier. Damals schon zum zweiten Mal, nachdem der erste Vertrag vorher mit großem Brimborium und viel Prominenz in Cartagena ratifiziert worden war. Die Weltöffentlichkeit hatte zwar gejubelt, nur wurde das Werk ohne Zustimmung des Volkes gefeiert, das eine Woche später dem Vertrag im Rahmen eines Referendums zum Entsetzen der Verhandlungsführer knapp durchfallen ließ. Einzig die Verleihung des Friedensnobelpreises rettete Santos vor seinem politischen Ende und wohl auch den Friedensvertrag.

Der wurde anschließend nachverhandelt und nur noch durch das Parlament abgesegnet, das Volk nicht mehr gefragt. Auch das erklärt, warum der Vertrag in Kolumbien nicht wirklich geliebt wird, während der Rest der Welt zuversichtlich auf dieses historisch einmalige Dokument in Kolumbien blickt.

Dabei gibt es auch große Erfolge: Rund 7000 entwaffnete Kämpfer, die die Basis einer neuen Partei bilden, die fortan mit Argumenten und nicht mehr mit Bomben und Gewehrkugeln überzeugen möchte. Der Tourismus freut sich über Zuwachsraten von bis zu 50 Prozent. Noch nie in der Geschichte meldeten die Hotels eine größere Auslastung. Die Mordrate ist historisch niedrig, die Investoren interessieren sich für das Land. Und so pendelt Kolumbien zwischen Euphorie und Entsetzen: Weit draußen auf dem Land, wo der Staat kaum Zugriff hat, wird gestorben und gemordet. Weil nach dem Rückzug der Farc die Karten im Kokain-Geschäft neu gemischt werden. Auch das gehört zur Wahrheit: Statt weniger wird mehr Kokain produziert.

Machtkampf im Drogengeschäft

Rund 1000 Ex-Guerilleros haben auch deswegen keine Lust auf den Frieden, in dem mit ehrlicher Arbeit deutlich weniger verdient wird. Sie sind zurückgegangen in die Berge, kämpfen in neuen Gruppen weiter. Offiziell für die Revolution, in Wahrheit geht es um Marktanteile im Drogengeschäft. "Auf sie wartet das Gefängnis oder das Grab", droht Präsident Santos den Friedensdienstverweigerern.

Zudem gibt es auch internen politischen Widerstand. Eine Farc-Einheit will sich dem Frieden komplett verweigern. "Wir als Kämpfer verstehen nicht, wie unsere Kameraden unsere Ideale, Ziele und revolutionären Erfolge im Gegenzug für den Komfort der Eliten des Staates und einige Dollar verhandeln können", heißt es in dem Schreiben aus dem die Nachrichtenagentur Reuters jüngst zitiert. Ein offener Affront gegen die Spitze der Farc, deren ehemalige Kommandanten um Rodrigo "Timochenko" Londono nun politische Karrieren planen. "Timochenko" erwägt eine Präsidentschaftskandidatur, die weitere Prominenz - fast ausnahmslos Männer - führen die Liste der Vorschläge für den Senat und den Kongress an. Die offiziellen Gesichter der Farc sind die Gewinner des Friedensprozesses.