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Keine Angst vor dem Dunkeln

Von Brigitte Suchan

Wissen

Dunkelheit ist selten positiv besetzt. Die Nacht galt und gilt als Zeit des Unheimlichen. Jedes Kind kennt die Angst vor dunklen Räumen. Wie wirkt sich Dunkelheit auf die menschliche Psyche aus? Das "Wiener Journal" sprach mit der Psychotherapeutin Maria-Anna Pleischl.


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© andreiuc88 - Fotolia

Wenn im Herbst die Tage kürzer werden und es schon am Nachmittag zu dämmern beginnt, leiden viele Menschen an der sogenannten "saisonal bedingten Depression", kurz SAD. Ein gelegentliches Stimmungstief gehört jedoch zum Leben dazu und ist noch keine Depression im klinischen Sinne. Die Abgrenzung zwischen einem harmlosen Novemberblues und einer ausgewachsenen Winterdepression fällt daher auch Spezialisten nicht immer leicht "Die Grenzen zwischen einer Winterdepression – einer echten Erkrankung – und einer gedrückten Stimmung sind fließend", sagt Jürgen Zulley, Psychologe und Schlafforscher an der Universität Regensburg. Die meisten Menschen leiden eher unter der früh einsetzenden Dämmerung als unter der Dunkelheit, meint die Psychotherapeutin Maria-Anna Pleischl.

Viele seien einfach traurig darüber, dass der Sommer vorüber ist und leiden am Lichtmangel. "Aber die Dunkelheit hat auch positive Aspekte", ist die Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie (ÖBVP) überzeugt, "sie ist ganz wichtig für unseren Wach-Schlafrhythmus. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Schlaftiefe bei Dunkelheit sehr viel besser ist." Körper und Psyche brauchen den zyklischen Takt der Jahreszeiten, das Auf und Ab der Stimmung dient dazu, sich zu regenerieren und immer wieder neu zu orientieren.

Aber wie ist das im Norden, wo die Polarnacht über Monate den Himmel bis auf wenige Stunden am Tag verdunkelt? "Die Menschen dort leben in einem anderen Rhythmus, die Dunkelheit gehört einfach dazu. Es gibt statistisch gesehen in Norwegen nicht mehr Menschen, die an saisonal bedingten Depressionen leiden, als in Österreich", erklärt Pleischl.
Das Problem seien eher die Schlafstörungen während der Zeit des Polartages, wenn es nicht richtig dunkel wird.

Die Therapeutin rät zu einem bewussten Umgang mit hellen und dunklen Zeiten. Nicht umsonst gebe es zur dunklen Jahreszeit  Rituale, die das Licht in den Vordergrund rücken, wie etwa das Lichterfest der heiligen Luzia in Skandinavien am 13. Dezember oder den Advent in unseren Breitengraden.

Woher kommt die Angst vor dem Dunkeln im tiefenpsychologischen Sinn? "In der Dunkelheit sind wir unseren Fantasien und Ängsten überlassen. Es sind unsere Vorstellungen, die uns verrückt machen können. Der Mensch ist in der Dunkelheit auf sich selbst zurückgeworfen", analysiert die Psychotherapeutin, die aus der Praxis weiß, dass sich Menschen, die unter Störungen und Belastungen leiden, mehr fürchten.

In jedem Fall sei bei belastenden Ängsten und Depressionen die Psychotherapie das Mittel der Wahl, ist Maria-Anna Pleischl überzeugt. Sie findet es erschreckend, dass in Österreich psychische Erkrankungen vor allem medikamentös behandelt werden. Nach Angaben des ÖBVP nehmen 900.000 Personen das Gesundheitswesen wegen psychischer Erkrankungen in Anspruch. Davon werden 840.000 Personen ausschließlich mit Psychopharmaka versorgt. Nur 35.000 Personen erhalten kassenfinanzierte Psychotherapie, 30.000 Personen finanzieren ihre Psychotherapie aus eigener Tasche. Und sie wiederholt eine bekannte Forderung des ÖBVP, Menschen mit psychischen Störungen Psychotherapie rechtzeitig und umfassend von den Krankenkassen finanziert zu ermöglichen. "Es muss endlich zu einem Umdenken hierzulande kommen: Wenn ich zur Psychotherapie gehe, bin ich nicht gestört, sondern bekomme Hilfe!", fordert die Verbandspräsidentin.

Im Web: psychotherapie.atArtikel erschienen am 15. November 2013 In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal"

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Die Winterdepression ist eine saisonal abhängige Depression (SAD), die jährlich wiederkommend in der dunklen Jahreszeit auftritt: Sie beginnt in den Herbstmonaten und endet meist im Frühling. In dieser Zeit klagen die Betroffenen über Energielosigkeit und übermäßige Traurigkeit. Häufig haben sie mehr Appetit, vor allem auf Süßes, und nehmen an Gewicht zu. In manchen Fällen verlieren Menschen mit einer Winterdepression auch an Gewicht. Weitere Symptome einer Winterdepression sind ein erhöhtes Schlafbedürfnis und eine allgemeine Antriebslosigkeit.