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Keine Angst vorm ersten Schultag

Von Katharina Schmidt

Politik

"Früchtchen seid ihr, und Spalierobst sollt ihr werden!" Schon Erich Kästner konnte seinerzeit die Taferlklassler mit diesem Satz erschrecken. Doch wie nimmt man als Kind den Schulanfang wirklich wahr? Ist es eher Vorfreude auf das Neue oder schmerzliche Unsicherheit? Die "Wiener Zeitung" hat sich auf die Suche nach des Rätsels Lösung begeben und zwei Familien an einem ihrer letzten schulfreien Tage begleitet.


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"Die sind für uns, die können wir gleich aufmachen" ruft der sechsjährige David entzückt, als er uns mit zwei angefüllten Schultüten kommen sieht, und auch seine Freundin Lara macht plötzlich ganz große Augen. Sicher sind wir uns da aber keineswegs, denn vielleicht haben wir die Tüten ja nicht für die beiden mitgebracht, sondern für die Eltern, damit sie den Schulanfang besser überstehen....

David Pauritsch und Lara Posamentier kennen sich schon ihr Leben lang und die innige Freundschaft zwischen den Sechsjährigen ist kaum zu übersehen. Dennoch werden die beiden nicht gemeinsam in die Schule gehen, denn das gäbe wohl zu viel Chaos. Ab Montag wird David also in die Klasse 1a der Volksschule Nymphengasse gehen, während Lara die Privatschule "Notre Dame de Sion" in der Burggasse besuchen wird.

Die Wahl der Schulen war für die Eltern nicht eben leicht, besonders das gute Klima war ihnen wichtig: "Wenn man nur einen kurzen Blick in die Klassen werfen darf, ist das natürlich nicht so toll, wie wenn es schon am Tag der Offenen Tür ein Elternbuffet gibt," meint die Personalberaterin Alexandra Pauritsch. Für Laras Mutter, Claudia Posamentier, war allerdings schon vor zwei Jahren klar, dass ihre Tochter in die Burggasse gehen wird. "Bei uns hat es eine wichtige Rolle gespielt, dass die Kinder auch am Nachmittag betreut werden, und es ist angenehm, dass Lara Schuluniform tragen muss. Die Diskussionen jeden Tag in der Früh werden dann hoffentlich aufhören," freut sich ihre Mama und schmunzelt. Die für die berufstätigen Eltern so wichtige Nachmittagsbetreuung inklusive Mittagessen kostet in der Burggasse 250 Euro. Auch David wird für 200 Euro im Monat in der Schule essen können und bis 15 Uhr betreut werden.

Das erste Schnuppern

Am Tag der offenen Tür durften die Kinder bereits einen Blick in die neuen Schulen werfen, aber haben sie denn auch schon neue Bekanntschaften geschlossen? "Ich kenn' ein Mädchen, die geht schon in die dritte Klasse," ist die zierliche Lara stolz, als David sie endlich auch einmal zu Wort kommen lässt. Lara wollte aber unbedingt bis zum letzten Tag im Kindergarten bleiben, denn der Abschied von ihren Freundinnen fällt ihr schwer. David kennt bis jetzt nur die Direktorin und die Lehrerin, und die "sind nicht schlecht". Ein Mädchen aus dem Kindergarten kommt mit ihm in die Volksschule, allerdings ist er "nicht ihr Freund, die ist fad und redet nicht viel". Man kann sich gut vorstellen, dass der quirlige David mit faden Leuten nicht gut kann: In seiner Klasse gibt es eine Stunde extra Turnunterricht, und "das wird er auch brauchen," meint sein Papa.

Spannende Shoppingtour

Zu den Schulvorbereitungen gehört neben dem Schultaschenkauf natürlich auch das "Schnickschnack aussuchen", denn David ist ein begeisterter Bürohengst: Um sein Taschengeld von zwei Euro die Woche kauft er sich gerne Stifte, aber natürlich auch Spielzeugautos und Rubbellose. Damit beweist er einigen Geschäftssinn, den er aber in manchen Dingen noch verfeinern muss, denn "manchmal muss man sich richtig mit ihm auseinander setzen, wenn er im Restaurant bezahlen will," schmunzelt sein Vater. Und Davids Berufsaussichten versprechen auch noch keine Millionen, denn er ist davon überzeugt, dass er "vom Merkur der Mann, der vorne alle bezahlt" wird. Seine Freundin Lara hat auch noch keine großen Sprünge vor, sie will erstmal "gar nichts" werden, worüber sich die Eltern natürlich maßlos freuen.

Aber bis zu derart schwerwiegenden Entscheidungen haben die beiden ja noch jede Menge Zeit, erstmal ist der Schuleinstieg zu meistern. Und auf den freuen sich Lara und David uneingeschränkt: Die Aussicht auf Turnen und Lesen ist für Lara der Hit, auch auf Davids Liste rangiert eigene Pixibücher lesen können neben Papiermodelle bauen ganz oben. Dabei kann er doch schon fast perfekt schreiben: Als der Sechsjährige unter den wachsamen Augen seiner Freundin "David Pauritsch" in den Kies schreibt, erinnert einzig das "S" eher an ein Fragezeichen.

Die Eltern halten jedoch wenig vom Lernen vor der Schule. "Die ersten Schritte, wie zum Beispiel den eigenen Namen schreiben, gehen ganz von selbst," versichern die Mamas. Im Kindergarten gab es auch schon eine Schulvorbereitungsstunde, wo die Kinder bereits ein bisschen in die weite Welt der Sprache hineinschnuppern konnten. Deshalb hat sich auch die Frage der Schulreife gar nicht wirklich gestellt, die Direktorinnen haben zwar Gespräche mit David und Lara geführt, aber Probleme gab es dabei keine. Schulreif sind unsere beiden also, aber der Schulweg selbst stellt einstweilen noch eine zu große Herausforderung dar: Lara wird vom 16. Bezirk in die Burggasse und zurück chauffiert, denn sonst müsste sie den Gürtel zu Fuß überqueren. David ist zwar ein Verkehrsregeln-Fanatiker, wie sein Papa stolz versichert, aber noch ist es zu gefährlich, den aufgeweckten Sechsjährigen allein auf den Straßenverkehr loszulassen. Und das obwohl David, wenn er jemanden bei Rot über die Straße gehen sieht, ruft: "He, Sie da, das darf man doch gar nicht!" Vielleicht wird er ja doch noch Verkehrspolizist...

Endlich Schultüten

Davids elf Monate alte Schwester Johanna lässt das Lärmen ihres Bruders und seiner Freundin völlig unberührt. Sie interessiert sich nur für die beiden bunten Schultüten, die an ihrem Kinderwagen hängen. Damit ist auch das Interesse von David und Lara wieder geweckt, und so spannen wir sie nicht länger auf die Folter. Nach einer eifrigen Diskussion, wer jetzt wohl die Rote und wer die Blaue haben darf, halten sie die Tüten endlich in den Händen. Aufmachen dürfen sie sie aber noch nicht, die Eltern bleiben erstmal strikt, was zu Hause geschieht, können wir nicht mehr beeinflussen...

Um bei Kästner zu bleiben, können wir unseren beiden ABC-Schützen nur mehr wünschen: "Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Lasst Euch eure Kindheit nicht austreiben!"