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"Keine Blödheit, sondern eine tiefe Beziehung"

Von Christoph Irrgeher

Reflexionen

Nachmittage in der Warteschlange, Abende auf dem Stehplatz, Nächte vor der Bühnentür: Richtige Opernfans investieren genauso viel Leidenschaft, wie in der geliebten Musik steckt. Auch heute noch. Wobei Fan nicht gleich Fan ist.


Wo Musikfans kreischen, muss nicht immer ein Popstar stecken. Vier Jahre ist es her, da erschallte so ein Gekreisch um Mitternacht in der Staatsoper. Genauer gesagt im dortigen CD-Laden: Für den Verkaufsstart von Anna Netrebkos neuer CD war eine Überraschung angekündigt. Nur die Diva höchstselbst konnte das sein, wollten Insider wissen - und sollten recht behalten. Applaus, Jubel, Blitzlicht: Pflichtschuldig sieht sie drein, die Netrebko, taut dann auf, wenn sie mit jungen Mädchen scherzt. Aber bisweilen weiten sich die Augen schreckhaft. Lang und eng ist der Raum, die Fanmasse zu einer dichten Wurst gepresst. Fast fürchtet man, sie könnte den Weltstar zerquetschen. Während Netrebko signiert, befühlt einer gar ihr Pelzrevers. "Das muss sie aushalten, sie ist jetzt Österreicherin", sagt jemand. Und die Russin mit der Doppelstaatsbürgerschaft hält's aus. "Ich gehe jetzt schlafen, ihr auch", verabschiedet sie sich. Warum ihr Auftritt bis zuletzt ein Geheimnis war? Aus Angst vor zu viel Ansturm. Man wisse ja nicht, "wie irr die Irren" sein könnten.

Wie irr sind Opernfans? Ioan Holender, Staatsoperndirektor bis 2010, kann das Wort "Fan" nicht leiden - weil es vom "Fanatiker" kommt. Im Gegensatz zum Polit-Hitzkopf sind Opernfanatiker jedoch ein friedfertiges Völkchen. Und beileibe nicht alle gleichermaßen obsessiv. Die Oper lieben? Dafür gibt es Grund genug, im Wesentlichen deren drei. Die leidenschaftliche Musik, natürlich. Dann das Prestige - Hochkultur adelt den Bildungsbürger. Und dann wäre da noch der Starglanz: Mögen die Netrebkos dieser Welt auch meist unnahbar sein - der gemeine Fan ist es, für den sie ihr Äußerstes geben. Er belobigt ihre Höchstleistungen, verzeiht kleine Fehler vielleicht großmütig. Ein zartes Band knüpft sich zwischen der Lichtgestalt und dem dunklen Saal. Ein Band, das manchen Bewunderern allerdings noch nicht genug ist: Die ketten sich an einen einzigen Star und gründen einen Fanklub. Ein Götzendienst, der den Bildungsbürgern freilich ein Grauen ist. Opernfan ist nicht gleich Opernfan.

Stehen, stehen, stehen. Und: Fanwesen heute ist nicht gleich Fanwesen gestern. Eine Passion war das einst, auch im schmerzlichen Sinn. Die Erzählungen aus alten Stehplatz-Tagen - sie erinnern ein wenig an jene Comicgeschichten, in denen Donald Duck von den Gewaltmärschen seiner Wander-Jugend schwärmt. Mit dem Unterschied, dass die Opernfans einst tatsächlich enorme Mühen investierten. Vorteil der Stehplätze allerdings: Erstens billig, zweitens für Spontane; die Karten werden am Aufführungstag verkauft. "Ich bin den ganzen Tag im Geschäft gestanden, danach wegen der Karten - und dann kam der Abend auf dem Stehplatz", erzählt ein heute 66-Jähriger. Seinen Namen will er lieber nicht in der Zeitung lesen, er möchte sich ja nicht brüsten. Grund dafür hätte er, denn bei ihm wurde die investierte Zeit - frei nach Richard Wagner - letztlich zum Raum. Konkret gesagt:: Der Mann hortet ein Zimmer mit Autogrammen. Wie viele es sind? "Ich sage immer 300.000. Meine Frau meint, ich untertreibe schamlos." Gepackt hat ihn die Oper in den frühen 60er Jahren. Giu-

seppe Di Stefano, Giuseppe Taddei und Margaret Price in einer "Tosca": "Seither bin ich picken geblieben. Für mich konnte es gar nicht lang und laut genug sein." Bis zu fünfmal wöchentlich stand er sich für die Staatsoper die Beine in den Bauch. Als Sammler war er bald mit allen Wassern gewaschen. Natürlich gibt es da das "Bühnentürl". Doch dort buhlen viele zu später Stunde. Weil sich unser Autogrammjäger die Wissensfülle eines Spions erarbeitete, wusste er schon bald, wer wann wo abzupassen war. Zum Beispiel Wolfgang Windgassen. Der verließ schon am Tag der Aufführung sein Hotel, schlief am Nachmittag in der Staatsoper. Jonas Kaufmann erwischt man heutzutage kurz vor der Aufführung. Ja, der Pensionist ist immer noch Jäger und Sammler. Und er ist, wie anno dazumal, Statist.

Mit den Fans vermählt. Ein Nahverhältnis ließ sich aber auch von den hinteren Reihen aus aufbauen. Zum Beispiel zu Birgit Nilsson. Für die hat man am Stehplatz gesammelt - und ließ einen Goldring fertigen. Einen besonderen natürlich: Die Gravur zeigt die Schwedin als Isolde. Nilsson habe diesen Ring dann auch immer in Wien getragen. "Sie hat gesagt: Ich bin mit dem Wiener Stehplatz vermählt", entsinnt sich der Pensionist - und kommt zur Quintessenz: "Das ist keine Blödheit, sondern eine tiefe Beziehung." Seine Sammlung dient nicht nur der persönlichen Erbauung. Weil manche Sänger tausende (!) Künstlerfotos unterschrieben, dokumentiert sie so manche Karrieren. So kann der 66-Jährige heute Ausstellungen und Verlage bestücken. Ob ihn manche Leute hinter vorgehaltener Hand, nun ja, etwas eigenartig nennen? "Vielleicht sagt irgendwer: Der Wahnsinnige macht das immer noch. Aber da ist ja nichts Ehrenrühriges dabei."

Nicht gar so lang ist Thomas Dänemark unter den Opern-Adoranten. Dafür könnte man den 40-Jährigen einen professionellen Fan nennen: Er arbeitet bei den Freunden der Wiener Staatsoper. Für rund 3200 Mitglieder wickelt er die Geschäftsführung ab und moderiert Veranstaltungen. Wie er zur Oper fand? Durch einen "Barbier von Sevilla" mit den Eltern. Wenig später enterte er die Stehplatz-Galerie der Staatsoper - als 13-Jähriger. Allein kam er oft, fand aber eine familiäre Atmosphäre. "Die haben sich rührend um mich gekümmert, ich war immer der Jüngste." Ein Wissens-

transfer stellte sich da schnell ein. Ob ihn die Klassenkollegen für einen Freak hielten? Viele junge Opernfans habe es in den 80ern generell nicht gegeben, heute sei die Situation besser. "In der Klasse hatte ich eine - sagen wir - exponierte Position." Heute besitzt er jedenfalls ein kundiges Umfeld. "Wann war noch einmal diese Turandot mit José Carreras?", grübelt er beim Telefongespräch. "1983!", ruft eine Frauenstimme aus dem Hintergrund.

Für "Carmen" übernachten. In dieser Zeit war auch noch so manches Martyrium zu durchleiden, für Weltstars wie Luciano Pavarotti. Da radelte Dänemark vor sechs Uhr früh zur Staatsoper, meldete sich für eine Karte an, fuhr zur Schule, hernach wieder zur Oper, um mit der Vormerk-Karte das Stehplatzticket zu ergattern. Und dann - ja dann kamen noch vier Stunden "Lohengrin". "Da hast du eine Gardeausbildung erhalten", lacht er. Heute sei das einfacher. Dank einer Berechtigungskarte kann man Stehplätze nun schon im Vorverkauf erwerben.

Doch auch ein Vorverkaufstermin kann zur Tour de force werden. Jedenfalls, wenn es um eine Vorstellung wie die Netrebko-"Carmen" des Vorjahres geht. Von diesen Mühsalen kann Birgit ein Lied singen: Um am Schalter zu reüssieren, musste man buchstäblich dort übernachten. Um acht Uhr öffnete die Kasse. "Wer um drei Uhr früh kam, kam zu spät." Gut möglich aber, dass die 32-Jährige noch mehr Mühen in Kauf nehmen würde, entschlösse sich ihr Lieblingssopran zum Comeback - Mirella Freni. "Bis 68 hat sie gesungen und sich eine Jugendlichkeit in der Stimme bewahrt. Diese Technik, diese Stimmgebung?… da bist du abgehoben." In Bologna hat sie die Freni bei einem Meisterkurs erlebt. Gratis. Weil jemand gesucht wurde, der Tee kocht.

"Der Psychologe wartet". Erwacht ist Birgits Obsession in den 90ern, beim Filmfestival auf dem Rathausplatz. "Carmen" hieß die Einstiegsdroge, auch ihre nächste Station war der Stehplatz. Ob es dort Rituale gibt, die den Neuling vom Routinier scheiden - ähnlich wie am Fußballplatz? Schon. "Markieren", also einen Platz reservieren, dürfe man nur für sich selbst. Als ihr einmal Gegenteiliges unterstellt wurde, entgegnete sie, die Regel zu kennen - und einzuhalten. Gravitätische Feststellung des Gegenübers: "Sie kennt sich aus." Heute zählt sich Birgit nicht mehr zu den Hardcore-Fans. "Mittlerweile sind mir manche Leute schon etwas suspekt." Eine Opernnärrin, erzählt Birgit, wollte gar den gleichen Zug wie Edita Gruberova nehmen. "Das sind Situationen, in denen der Psychologe schon wartet." Die Oper liebt Birgit freilich immer noch. "Es ist eine Droge - wie jede Art von Musik."