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Keine Chancen für Blatters 6+5: Widerspruch zu EU-Grundrechten

Von Wolfgang Tucek

Analysen

Sportlich gesehen hat die Idee von Fifa-Präsident Josef Blatter einigen Charme: Ab 2010 will er stufenweise Beschränkungen für ausländische Spieler in Fußballvereinen einführen, um dem Transferwahnsinn der milliardenschweren Großklubs Einhalt zu gebieten. Ab 2012 sollen in jeder Elf beim Anpfiff zumindest sechs einheimische Spieler auf dem Feld stehen. | Doch die 6+5-Regel hat einen Haken: Sie widerspricht dem EU-Grundrecht auf Freizügigkeit für Arbeitnehmer. Und Fußballprofis seien Arbeitnehmer wie alle anderen, so Brüssel. Keinesfalls dürften sie aufgrund ihrer Nationalität diskriminiert werden.


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Das haben hochrangige europäische Fußball-Funktionäre auch bereits eingesehen. "Völlig illegal", bedauerte etwa Uefa-Präsident Michel Platini - obwohl er Blatters Vorschlag inhaltlich für "eine gute Sache" hält. Der zuständige Sozialkommissar Vladimir Spidla hat sich jedenfalls unmissverständlich geäußert: Er werde EU-Strafverfahren gegen alle Mitgliedsländer einleiten, welche die Umsetzung der geplanten Fifa-Regel auf ihrem Staatsgebiet dulden.

Sie würden sich der Diskriminierung von Fußballern aufgrund ihrer Nationalität schuldig machen und damit gegen die Grundsätze der EU-Verträge verstoßen. Da diese Vorrang vor nationalem Recht haben, müsste die 6+5-Beschränkung theoretisch auch gegen die Gesetze der einzelnen Mitgliedsstaaten verstoßen, meinen Experten.

Am Ende der EU-Strafverfahren steht die Klage beim EuGH. Und für die Richter in Luxemburg ist die Unionsbürgerschaft ein unverrückbares Gut, die Sprache ihrer Urteile in Diskriminierungsfällen ist eindeutig: Ausländerregelungen von Verbänden für Mannschaftssportarten wurden stets gekippt.

Am Ende liefe es für die Mitgliedsstaaten auf tägliche Strafzahlungen hinaus, wenn sie die Fifa gewähren ließen. Denn diese sei im Grunde nicht mehr als ein privater Verein, der sich an EU-Recht zu halten habe.

Bei Blatter dürfte das noch nicht ganz angekommen sein. "Wenn es ein Gesetz gibt, kann man es doch ergänzen oder ändern", sagte er nach dem überwältigenden Votum für seine 6+5-Regel bei der Fifa-Hauptversammlung Ende Mai.

Doch EU-Grundrechte wie die Arbeitnehmerfreizügigkeit werden wohl auch für den Weltfußballverband nicht aufgehoben. Blatter als Schweizer scheine nicht zu verstehen, was die EU eigentlich sei, monierte der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok.

Der Fifa-Chef ließ sich allerdings von seiner Vollversammlung vorerst nur eine Resolution für die weitere Auslotung seiner Idee geben. Erst wenn er tatsächlich die Einführung und Umsetzung der 6+5-Regel von seinen Mitgliedern verlangt, muss er mit einer Sturmflut von EU- und Gerichtsverfahren rechnen.

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