Keine Eulen nach Athen

Von Christian Pinter

Reflexionen

Die Geschichte Griechenlands hinterließ etliche Begriffe und Redensarten in unserer Sprache.


Mit Rio de Janeiro fungiert erstmals eine südamerikanische Stadt als Austragungsort der Olympischen Sommerspiele. Die Wurzeln dieser sportlichen Wettkampfveranstaltungen liegen natürlich im alten Griechenland. In der Antike ließ man dort nämlich kaum ein Jahr ohne ein panhellenisches Spiel verstreichen. In Delphi huldigten die Griechen damit dem Gott Apollon, in Korinth dem Poseidon, in Nemea und Olympia dem Zeus.

"Dromos" und "Stadion"

In Olympia ritterten die Athleten ab 776 v. Chr. um den Sieg. Sie maßen sich dabei in jenen Disziplinen, die auch auf dem Schlachtfeld gefragt waren: Speer- und Diskuswurf, Springen, Laufen, Ringen oder Faustkampf. Sieht man vom Waffenlauf mit Helm, Schild, Beinschienen und Speer ab, kämpften sie grundsätzlich nackt (griech.: gymnós). Davon leitet sich auch das Gymnasium (gymnásion) ab, das anfangs bloß als Stätte für Leibesübungen gedacht war.

Der drómos (Weg, Straße) übertrug seinen Namen auf den Laufplatz und die Pferderennbahn. Er lebt im "Autodrom", im "Motodrom" oder im "Dromedar" fort. Ein stádion war ursprünglich ein regional variierendes Längenmaß von grob 180 Metern. Weil es eine beliebte Laufdistanz bildete, hieß bald die gesamte Sportanlage "Stadion".

In Anspielung auf die Siegesgöttin Nike nannte man die siegreichen Sportler - und nur sie! - "Olympioniken", zumindest bis zum Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr.; dann verbot der christliche Kaiser Theodosius I. die heidnischen Spiele. Die mehr als ein Jahrtausend lang gepflegte Tradition endete damit.

Im Zeus-Tempel von Olympia erblickte man einst eine 13 Meter hohe, sitzende Figur dieses Gottes, mit einer kleinen Nike in der Rechten. Aus Gold, Elfenbein und Ebenholz erschaffen, galt die Statue als eines der sieben Weltwunder. Die "7" symbolisierte Vollkommenheit, zumal damals ebensoviele Wandelgestirne bekannt waren. Zum illustren Kreis der Weltwunder zählte auch das monumentale Grabmal von Mausolos II. in Halikarnassos. Der Name dieses Königs lebt im Wort "Mausoleum" fort: Das ist ein Grabmal in Gebäudeform. Außerordentliche Bauwerke der Gegenwart, aber auch bahnbrechende Erfindungen werden heute gelegentlich noch als "Weltwunder" gerühmt.

Athen war einst so reich, dass es Geld unter seinen Bürgern verteilen konnte. Es beutete nämlich die Silberminen von Laureion aus. Genauer: die zehntausenden Sklaven, die dort schuften mussten. Anfangs zerhackte man das Silber in kleine, spitze Teile. Das erklärt deren Namen "obolós" (obelós: Bratspieß). Wir entrichten unseren Obolus noch häufig genug, z.B. in Form einer Gebühr oder eines kleinen Beitrags.

Eine Drachme war sechs Obolen wert. Auf den Münzen Athens prangte das Bildnis der Athene. Sie fungierte als Schutzgöttin der Stadt und stand für die Kriegskunst sowie die Weisheit. Als ihr heiliges Tier galt die Eule. Dieser Vogel wurde ebenfalls mit Wissen und Klugheit verbunden, da er in der Dunkelheit sehen konnte. Entsprechend existierten etliche Eulen-Statuen in Athen.

Geld und Elektronen

Der Vogel zierte außerdem die Vier-Drachmen-Münzen, vom Volk daher schlicht "Eulen" genannt. Wir wollen darüber hinwegsehen, dass es sich hierbei eigentlich um einen Steinkauz gehandelt hat (wissenschaftlicher Name: Athena noctua). Jedenfalls erschien es bald recht unnütz, weitere "Eulen nach Athen zu tragen". Diese Redewendung bürgerte sich zur Bezeichnung einer höchst überflüssigen Handlung ein.

Münzen wurden schon im 7. Jahrhundert in Lydien geprägt, und zwar aus einer natürlichen Gold-Silber-Legierung. Der hellgoldenen Farbe wegen nannten die Griechen diese Legierung übrigens genauso wie den Bernstein: élektron. Um 550 v. Chr. rieben Forscher wie Thales von Milet den Bernstein mit Fell. Dann beobachteten sie dessen nun anziehende Wirkung auf Haare oder Vogelfedern. Dieses Phänomen schenkte uns Begriffe wie "Elek-trizität", "Elektriker" oder "Elek-tronik".

Zweimal wollten die Perser Griechenland erobern. Im Sommer 490 v. Chr. lagerten sie in der Ebene von Marathon. Dort stellten sich die Griechen zum Kampf: Diese stritten dabei Schulter an Schulter in einer dichtgeschlossenen Formation, der Phalanx (griech.: Walze, Balken). Die Kunde von ihrem Triumph wurde von einem Meldeläufer ins rund 40 Kilometer entfernte Athen getragen. Angeblich hieß er Pheidippides und brach mit der Siegesmeldung auf den Lippen tot am Ziel zusammen.

Eng mit Athen verbunden war Herodot, den man später "Vater der Geschichtsschreibung" nennen sollte. In seiner "Historiá" erwähnt er tatsächlich einen Boten namens Pheidippides. Der läuft allerdings schon Tage vor der Schlacht rund 250 Kilometer weit von Athen nach Sparta, um militärischen Beistand zu erbitten. Die Spartiaten sagten zu. Sie kamen wegen eines wichtigen Apollon-Fests jedoch zu spät.

1896 feierten die Olympischen Spiele Wiederauferstehung, jetzt in Athen und mit internationaler Beteiligung. Während der Vorbereitung erinnerte man sich an die historische Schlacht und erfand den Marathonlauf. Den ersten olympischen Bewerb dieser Art entschied der griechische Wasserträger Spyridon Louis für sich, nach knapp drei Stunden Laufzeit. Heute werden jedes Jahr weltweit hunderte Marathons ausgetragen, mit einer Streckenlänge von rund 42 Kilometern. Seit 1983 nimmt man auch die fast sechsmal längere Strecke von Athen nach Sparta wieder in Angriff, unter dem Titel "Spartathlon".

Zehn Jahre nach ihrer Niederlage kehrten die Perser mit einem deutlich schlagkräftigeren Heer zurück. Im Sommer 480 v. Chr. hielten tausend Griechen, darunter 300 Spartiaten, am Thermopylen-Engpass aus. Trotz ihrer aussichtslosen Lage deckten sie den Rückzug ihrer Kameraden. Später setzte man den Gefallenen hier ein Denkmal. Dessen Inschrift wurde 1795 von Friedrich Schiller übersetzt: "Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl."

Spartas Gesellschaft war hochgradig militarisiert. Der ständigen soldatischen Übungen wegen sahen die Männer ihre Frauen selten. Die Erziehung des entsprechend spärlichen Nachwuchses fiel hart und skrupellos aus. "Spartanisch" wurde zum Synonym für "streng", "genügsam" oder "einfach". Die zu Sparta gehörende Region hieß "Lakonien". Deren Bewohner waren schon in der Antike für ihre nüchterne, ja einsilbige Ausdrucksweise bekannt. Äußert sich jemand kurz aber treffend, nennen wir das deshalb "lakonisch".

Weissagungen

Die wichtigste Orakelstätte der alten Griechen lag in Delphi. Sie war dem Gott Apollon geweiht. Anfangs tat die jungfräuliche Priesterin ihre Prophezeiungen nur an seinem Geburtstag kund. Da die Pilger reichlich Opfergaben mitbrachten, ließ man die Dame bald häufiger in Trance fallen. Das Orakel war höchst zweideutig, was die Gefahr allzu auffälliger Fehlprognosen verringerte.

Dem lydischen König Kroisos hatten etliche Städte Tribut zu zahlen. Er war entsprechend wohlhabend und konnte sich großzügig zeigen. Wir spielen auf seinen Reichtum an, wenn wir auf eine Geldforderung entrüstet mit den Worten "Bin ich der Krösus?!" reagieren. Als ihm die Perser allzu gefährlich wurden, konsultierte Kroisos das Orakel. Sollte er den Grenzfluss Halys tatsächlich überschreiten, so weissagte man ihm in Delphi, würde er "ein großes Reich zerstören". Vermeintlich in seinen Plänen bestärkt, griff Kroisos die Perser im Jahr 541 v. Chr. an. Er unterlag und zerstörte so sein eigenes, großes Reich.

Kein Glück beschieden war auch dem Molosserkönig Pyrrhos I., der 261 Jahre später gegen die junge Römische Republik zu Felde zog. Zwar gewann er die Schlacht im süditalienischen Asculum, doch nur unter schwersten Verlusten. "Noch so ein Sieg", soll er resümiert haben, "und wir sind verloren!". Wird ein Gewinn allzu teuer erkauft, spricht man seither von einem "Pyrrhussieg".

Weil sich die Bevölkerung im 8. Jh. vervielfacht hatte und Ackerland knapp war, gründeten die griechischen Stadtstaaten zahlreiche Kolonien im Mittelmeerraum. Aus Neápolis (griech.: Neustadt) wurde später Neapel, aus Massalia Marseille und aus Nikaia Nizza - auch hier stand die Siegesgöttin Nike Pate.

Syrakusai, das heutige Syrakus, wurde von Siedlern aus Korinth gegründet. In ihrer Heimat wuchs die kleinste aller Rosinenarten, "Korinthe" genannt. So entstand das Schimpfwort "Korinthenkacker" für kleinliche Pedanten oder Erbsenzähler. In Deutschland wird es häufiger verwendet; in Österreich spricht man vornehm von "Idipferl-Reitern".

Alexander der Große passt wohl nicht in diese Kategorie. 333 v. Chr. soll er vor dem Wagen des längst verstorbenen phrygischen Königs Gordios gestanden sein. Ein Seil mit unentwirrbarem Knoten schmückte das Gefährt. Wer ihn auflöste, so die Prophezeiung, würde Asien beherrschen. Alexander überlegte nicht lange. Er durchschlug den Knoten einfach mit seinem Schwert. Die historisch fragwürdige Geschichte schenkte uns den sprichwörtlichen "Gordischen Knoten": Wer einen solchen löst, beseitigt ein schwieriges Problem mit ungewöhnlichen Mitteln.

Das Alphabet

Schon im 9. Jahrhundert v. Chr. kam man mit der phönizischen Schrift in Kontakt, die allerdings keine Zeichen für Vokale kannte. Die Griechen modifizierten sie entsprechend. Ihr Schriftsystem begann mit den Buchstaben Alpha und Beta, die darauf fußende lateinische Schrift später mit A, B und C. Heute sprechen wir zwar häufig vom "ABC", doch der griechische Beitrag verrät sich in Wörtern wie "Alphabet" oder "Alphabetisierung".

Mit Hilfe der Schrift hielt der Athener Drakon im Jahr 624 v. Chr. die zuvor meist mündlich tradierten Gesetze fest; wohl auch, um die häufig geübte Blutrache zurückzudrängen. Viele Vergehen hatten die Todesstrafe zur Folge. Das brachte Drakon den Ruf ein, seine Gesetze mit Blut geschrieben zu haben. Noch heute empfinden wir äußerst drastische Strafen "drakonisch".

Im 4. Jahrhundert v. Chr. soll der in Syrakus herrschende Dionysios II. von seinem Höfling Damokles allzu frech beneidet worden sein - wegen des Reichtums und der Macht. Um ihm die damit verbundenen Gefahren vor Augen zu führen, ließ der Tyrann den Neider an seiner Tafel Platz nehmen; allerdings unter einem Schwert, das bloß an einem Rosshaar hing. Egal, ob die moralisierende Anekdote stimmt oder nicht: Droht jemandem böses Unheil von einer bereits erkennbaren Gefahr, schwebt über ihm das sprichwörtliche "Damoklesschwert".

Mit pólis bezeichnete man einen griechischen Stadtstaat sowie die Gemeinschaft seiner Einwohner. Darauf fußen unsere Wörter "Metropole", "Polizei" oder "Poliklinik". Auch die "Politik": Denn die mit der pólis verbundenen Angelegenheiten wurden unter dem Begriff politiká zusammengefasst. In seinem gleichnamigen Werk untersuchte der vielseitige Philosoph Aristoteles die Verfassungen verschiedener Stadtstaaten, von denen es über tausend gab.

Die griechische Geschichte begann mit Kleinkönigen, also mit Monarchien (mónos: allein; archein: herrschen). Dann, zur Zeit der Aristokratie, teilten Adelsfamilien vielerorts die Herrschaft unter sich auf (áristoi: die besten; krátos: Macht). Davon unterschied Aristoteles die "Oligarchie", die Herrschaft Weniger (olígos: wenig). Machtkämpfe zwischen Adeligen und andere Faktoren führten zur Beteiligung des Staatsvolks (demos). Kurze Perioden der Tyrannei (týrannos: Herr, Gebieter) unterbrachen die so entstehende Demokratie.

Athen war seit der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. demokratisch organisiert. Fast im Wochenrhythmus fanden sich an die 6000 Bürger zu den halbtägigen Volksversammlungen ein. Sie bestimmten die Angelegenheiten ihrer pólis ganz direkt. Heute ist der Umweg über gewählte Repräsentanten die Regel. Das Wort ergreifen durfte jeder Bürger. Allerdings traten vor allem die rhetorisch geschulten hervor. Manche agierten schon damals als Demagogen (ágein: führen): Sie lenkten den Volkswillen, indem sie an Gefühle oder Vorurteile appellierten.

Ohne Stimme waren Zugewanderte, Sklaven sowie sämtliche Frauen. Tatsächlich entschied selbst in den demokratischen Stadtstaaten also immer bloß eine Minderheit. Nur zum Vergleich: In der Schweiz blieben die Bürgerinnen bis 1971, in Liechtenstein bis 1984 vom Urnengang ausgeschlossen. Um Machtkonzentrationen zu vermeiden, wurden die allermeisten Ämter verlost - und das jedes Jahr neu. Abstimmen konnte man auch über die zehnjährige Verbannung unerwünschter oder allzu machtgieriger Bürger. Dazu ritzte man den entsprechenden Namen in Tonscherben. Heute sprechen wir von einem "Scherbengericht", wenn mit jemandem hart verfahren wird.

Der Bocksgesang

Die alten Griechen trafen einander auch bei Gelagen. Während sie liegend aßen und tranken, lauschten sie Dichtern oder Sängern. Der Wein kam zusammen mit Wasser in ein Mischgefäß (kratér); der Form wegen ging dessen Name auf die Vulkankrater und später auch auf die Meteoritenkrater über. Bei einem solchen rituellen Gelage, dem sympósion, übte man sich im Singen, Stegreifreimen oder Witzeerzählen. Gern ließen sich die Teilnehmer von Hetären (etaíra: Gefährtin) verwöhnen. Heutige Symposien werden von Kulturschaffenden oder Wissenschaftern besucht. Dabei geht es viel nüchterner zu.

Beim Kultfest des Dionysos huldigte man dem Gott des Weins, der Freude, der Ekstase und der Fruchtbarkeit. Hunderte in Bocksfelle gehüllte, Unfug treibende Athener mimten sein lautes Gefolge. Im Dionysos-Heiligtum am Fuße der Akropolis traten Chöre zum Wettstreit an. Im Jahr 534 v. Chr. schälte sich erstmals ein Solist aus dem Chor heraus, der Protagonist ("Ersthandelnder"). Dann folgte ein zweiter, der Antagonist (Gegenspieler). So wurde die Tragödie tatsächlich aus dem Bocksgesang geboren (trágos: Bock; odé: Gesang).

Die Charaktere der Tragödie fanden sich in schicksalhaften Dilemmata oder Konflikten wieder. Mitunter griffen aber höhere Mächte ein. Zu diesem Zweck schwebte eine Gottheit auf die Bühne herab, und zwar mit Hilfe einer kranähnlichen Maschine (mechané). In lateinischer Übersetzung wurde aus dieser rettenden Figur der nach wie vor bekannte "deus ex machina".

Aus dem erwähnten, recht ausgelassenen Festumzug (kómos) zu Ehren des Dionysos entstand bald darauf die Komödie. Somit ist auch klar, woher unsere Wörter "tragisch" oder "komisch" stammen.

Internet: www.himmelszelt.at

Christian Pinter, geboren 1959, schreibt seit genau 25 Jahren im "extra" der Wiener Zeitung über astronomische Themen.