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Keine Freunde bleiben

Von Christian Thiel

Reflexionen

Das Licht ihres Wohnzimmerfensters | leuchtete in der dunklen Nacht. Ich zog den Mantelkragen hoch und trat nervös von einem Bein auf das andere. | Vor sechs Wochen hatte Angelika mit mir Schluss gemacht. "Wir können doch Freunde bleiben", hatte sie zu mir gesagt.


Es waren sechs Wochen, in denen ich kaum ein Auge zubekam, zehn Kilo abnahm und viel zu viel trank. Außerdem rauchte ich wie ein Schlot und meine Lunge pfiff aus dem letzten Loch. Dreimal hatte ich Angelika in dieser Zeit gesehen, mehr Zeit hatte sie nicht für mich. Es waren steife Treffen, bei denen ich sie aus müden Augen anschaute, Hundeaugen, die um ein bisschen Liebe bettelten.

Was hatte ich hier zu suchen, mitten in tiefster Nacht, frierend vor ihrem Haus? Warum starrte ich wie gebannt auf die zwei Schatten, die sich hinter ihrer Gardine bewegten? Sie war nicht alleine. Schon nach sechs Wochen hatte sie einen Neuen! Ein heiserer Husten schüttelte mich. Ich litt und überlegte, was ich tun sollte. Ganz dunkel zuerst und dann immer heller kroch eine heiße Wut in mir empor.

Das Ende einer Liebe. Warum eigentlich nicht? Warum können wir keine Freunde bleiben, wenn eine Liebe erlischt? Die Antwort, die der erfolgreiche Comedy-Schreiber für die US-Fernsehserie "Sex and the City" und Bestsellerautor Greg Behrendt gibt, ist entwaffnend einfach: Weil es nicht geht! Weil es das Leiden an der Trennung verlängert! Weil es das Leiden an der Trennung vergrößert! Sonst noch Fragen? Ja, lieber Greg: Wie schaffe ich es, dass ich nicht nachts um zwei Uhr hustend und fröstelnd vor ihrem Haus stehe?

Erste Regel. Keine Anrufe! Außerdem: keine Mails und SMS. Und natürlich auch keine Treffen, einerlei ob zufällig herbeigeführte oder verabredete. Sechzig Tage lang gilt diese Regel. Greg Behrendt: "Sechzig Tage verschaffen dir die emotionale Distanz, die nötig ist, um eine vollständige Genesung zu garantieren. Es ist in Wahrheit tatsächlich so einfach, nur eben nicht leicht." Greg Behrendt duzt seine Leserinnen immer in diesem Buch, das er zusammen mit seiner Frau Amiira Ruotola-Behrendt geschrieben hat. Und für mich, einen Mann, schreibt er auch nicht. Schade eigentlich. Aber ich gebe es zu: Männer lesen nur selten psychologische Ratgeber.

Die 60-Tage-Regel gilt auch dann, wenn man die Absicht hat, mit dem Ex befreundet zu bleiben. Auch Ausnahmen gibt es bei dieser Regel: Sind Kinder mit im Spiel, dann sollte der Kontakt zwar auf ein Minimum begrenzt bleiben, ganz zu vermeiden ist er aber nicht.

Laut Greg Behrendts persönlicher Statistik steht der Punkt: "Ich wünschte, ich hätte den Kontakt abgebrochen und nicht versucht, mit ihm befreundet zu bleiben", ganz oben auf der Liste der Dinge, die die mehreren hundert im Zuge seiner Recherche Befragten am meisten bereuten. "Fast alle waren der Meinung, es mache die Trennung umso schwieriger, wenn der Kontakt bestehen bleibt."

Zweite Regel. Schnüffle dem Ex-Partner nicht hinterher. "Checke niemals seine Mails oder was er sonst noch bekommt. Erstens ist es verboten. Zweitens treibt es dich in den Wahnsinn." Und dann macht alles, was man auf diese Weise erfährt, die Trennung nur noch schlimmer und bestätigt die schlimmsten Befürchtungen. "Geh einfach vom Schlimmsten aus: Er trifft sich mit einer anderen Frau und diese Frau ist Heidi Klum. Und dann fang an, damit abzuschließen."

Dritte Regel. Eine Trennungsfreundin suchen. Eine Trennungsfreundin sollte gut zuhören können. Sie sollte möglichst nahe bei einem wohnen, möglicherweise selber schon einmal eine Trennung durchgemacht haben und etwa eine Stunde am Tag Zeit haben.

Vierte Regel. Die Sachen des Ex-Partners wegräumen sowie alles, was an ihn erinnert. Es geht darum, über ihn hinwegzukommen. Punkt. Manche Dinge muss man möglicherweise nur für einige Zeit verbannen. Aber auch sie sollten zunächst aus den Augen, am besten aus dem Haus. Teil zwei des Planes lautet: Die Möbel umräumen und die Wände neu streichen. Je mehr sich verändert, desto besser. "Wenn sich deine Umgebung ändert, wirst du dich auch anders fühlen."

Fünfte Regel: Jeden Tag Bewegung. Spazieren gehen, joggen oder walken. Warum? "Erstens weil du die viele Zeit herumkriegen musst, die du nun hast. Zweitens weil es gute Laune macht."

Sechste Regel: Nicht rückfällig werden. Kein Anruf beim Ex-Partner. Kein Trennungssex. Keine Ausrede für ein Treffen, schon gar nicht in seiner Wohnung. Bei Rückfällen gilt: Von vorne anfangen. Also wiederum sechzig Tage lang keine Form von Kontakt.

Siebte Regel: Sich selbst zur Nummer eins erklären. Dies ist für viele nach einer Trennung wohl der schwierigste Punkt. Dabei steht die Zeit, die man braucht, um sich nach einer Trennung besser zu fühlen, in direkter Relation zu dem Verhältnis, das man zu sich selbst hat. Wenn man mit sich selbst nicht im Reinen ist, fahren die Gedanken pausenlos Achterbahn. Man spult wieder und wieder schöne Situationen mit dem Partner ab, um sich dann anschließend einzureden, man habe es nach Strich und Faden vermasselt. Greg Behrendt hält dagegen: "Du bist der Hauptpreis, die Sonne, der Mond und die Sterne. Nicht er oder sonst jemand. Du musst lernen, dich selbst zu lieben, zu mögen und an die erste Stelle zu setzen, wenn du die dauerhafte, gesunde und richtige Beziehung finden willst, die du suchst."

Uhr nicht zurückdrehen. Greg, das hast du aber toll ausgedrückt! Ja, es ist wahr: Ich fühlte mich weder als Hauptpreis, noch als Sonne oder als Stern. Als Mond schon eher, denn mir war lausig kalt in jener frostigen Novembernacht. In meinen Gedanken machte ich mich selber unentwegt madig. Ich ließ kein gutes Haar an mir und fand pausenlos Fehler, die ich in der Vergangenheit nach meiner Überzeugung gemacht hatte. Nach vorne habe ich in dieser Zeit nicht geschaut. Ich lebte in der Vergangenheit und wollte die Uhr mit aller Macht zurückdrehen.

Lieber Greg, als Angelika sich seinerzeit von mir trennte, da kannte ich dein Buch leider nicht. Auch all die Tipps, die es enthält, waren mir unbekannt. Mein bester Freund hieß damals nicht Greg Behrendt, sondern Jonny Walker. Dein Buch hätte mir einiges ersparen können. Die Nacht in Polizeigewahrsam zum Beispiel und auch die Sache mit der Lungenentzündung.

Nein, ich hätte damals nicht die Blumenrabatten vor Angelikas Haus demolieren sollen. Aber was sollte ich denn tun? Wohin sollte ich mit meiner Wut, die heißer und heißer wurde, bis ich am Ende nicht mehr wusste, was ich tat? Zum Glück klärte mich der Polizeibericht einige Tage später zumindest über diese Frage in vollem Umfang auf. Womit sonst hätte ich werfen können nach diesem Fenster, das mich so bitterböse anstarrte? Nein, ich hätte nicht brüllen sollen, dass ich ihn verprügeln würde, wenn er herunterkäme. Er kam natürlich nicht. Stattdessen gingen die Lichter in den Häusern ringsherum an und wer kam, war einzig und allein die Polizei, die mich mitnahm und für eine Nacht zur Ausnüchterung dabehielt.

Ich habe Angelika nach jenem Abend nie wieder gesehen. Heute denke ich, das war es, was ich mit meinem Gebrüll erreichen wollte. Ich wollte sie aus meinem Herzen reißen, wollte Ruhe haben von den Gedanken an sie und der ewigen Frage, ob ich sie wohl wiedergewinnen könnte. "Das wäre aber auch ohne Lungenentzündung gegangen", sagt meine Frau. Da hat sie wohl Recht, wenn ich es recht bedenke . . .

buchtipps

+++ ER STEHT EINFACH NICHT AUF DICH! Warum Frauen nie verstehen wollen, was Männer wirklich meinen.

Die Grundthese des Buches: Männer sind nicht schwer zu verstehen. "Wenn er dich will, lässt er es dich wissen. Sonst steht er eben einfach nicht auf dich!" Und in dem Fall sucht eine Frau einfach weiter - nach einem, der sie wirklich will. Das klingt einfach, doch die Zahl der Frauen, die Mühe damit haben, mangelndes Interesse eines Mannes zu erkennen und zu akzeptieren, ist groß. Das Buch richtet sich ausschließlich an Frauen. So entsteht der Eindruck, dieses Problem würden Männer nicht kennen. Aber auch Männer verrennen sich gerne in unglückliche Liebesgeschichten.

Greg Behrendt/Liz Tuccillo

Verlag: blanvalet, 224 Seiten

isbn: 3-7645-0234-7, 14,95 Euro

+++ NEIN, IHR KÖNNT NICHT FREUNDE BLEIBEN! Es heißt Schluss machen, weil dann Schluss ist.

Das Buch ist ein Leitfaden (man könnte auch sagen Leidfaden) für eine Trennung. Es ist für alle gut geeignet, die aktuell noch unter Liebeskummer leiden oder in der Vergangenheit einmal unter schlimmen Anfällen von Liebeskummer gelitten haben und gerne wissen wollen, was sie in Zukunft anders machen können. Auch dieses Buch richtet sich ausschließlich an Frauen. Es hat aber immerhin ein Schlusskapitel für die männlichen Leser.

Greg Behrendt/Amiira Ruotola-Behrendt

Verlag: blanvalet, 320 Seiten

isbn: 3-7645-0274-6, 14,95 Euro