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Keine Gnade für "Basar-Methoden"

Von Konstanze Walther

Wirtschaft

Staatsanwalt will Exempel statuieren. | Verteidiger: Nur Börsen-Spekulation. | Wien. Gestern, Mittwoch, war Tag 1 im Verfahren gegen die so genannten Bierbarone. Weitere zehn Terminen stehen noch aus. Bei denen werden sich vor allem die hochkarätigen Anwälte - die 16 Angeklagten selbst kamen gestern nicht zu Wort - abmühen, Richter Thomas Kreuter zu überzeugen, dass der gesamte Prozess nur auf einigen Indizien beruht - und diesfalls die "mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit", die laut Strafrecht für eine Verurteilung nötig ist, nicht gegeben sein kann.


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Konkret wird den angeklagten Bierbaronen, bestehend aus Vertretern der prominenten heimischen Brauereifamilien Beurle, Büche, Kretz, Atzwanger und Mathes, vorgeworfen, im Zusammenhang mit der im Jahr 2003 erfolgten Übernahme der Brau Union durch den niederländischen Bier-Konzern Heineken Insiderhandel betrieben zu haben. Insgesamt seien so 5,2 Mio. Euro an unrechtmäßiger Bereicherung an Schwiegermütter, Ehefrauen und andere Verwandte der Akteure der Brau Union und der Brau Beteiligungs AG (BBAG) geflossen. Denn sie alle haben im Zeitraum zwischen November 2002 und April 2003 Aktien im großen Stil an der BBAG zugekauft.

So habe etwa Brau-Union-General Karl Büche seine Frau Ulrike und seine Schwiegertochter Astrid Büche zum Kauf "animiert", weiß Staatsanwalt Georg Krakow. Astrid Büche konnte dadurch ihr Vermögen um 610.000 Euro steigern. Auch der Sprecher der Eigentümerfamilien, Ludwig Beurle, soll seinen Bruder Stephan nachgerade zum Kauf der Wertpapiere gedrängt haben - es sei eigenartig, dass "alle nahen Verwandten ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ihr Familiensilber verstärken wollten - wo doch der Verkauf an Heineken so knapp bevorstand", meint Krakow.

Als schließlich im Mai 2003 die Brauereigruppe durch den Heineken-Konzern für 1,9 Mrd. Euro übernommen wurde, verkauften die Aktieninhaber ihre frischen Pakete zu einem viel höheren Preis, als sie selbst dafür gezahlt hatten.

Generalprävention

für den Börse-Platz

Damit haben sie unzählige Kleinaktionäre geschädigt, die nie zu diesem niedrigen Preis verkauft hätten, hätten sie denselben Wissenstand gehabt wie die Angehörigen der Brauereifamilien, behauptet Krakow. "Es ist einer der größten Insiderprozesse, die es in Europa je gegeben hat." Österreich hätte nun ein Exempel zu statuieren: Es muss "zeigen, dass es solche Basar-Methoden an seiner Börse nicht duldet."

Die von der Verteidigung oftmals erwähnte Tatsache, dass es sich bei den Angeklagten um "ehrbare Bürger" aus der gehobenen Schicht handle, zählt für Krakow nicht: Das Gesetz solle schließlich für alle gleich gelten "ohne Ansicht der Person." Trotzdem beharrte Büche-Verteidigerin Bettina Knötzl auf diesem Punkt: "Karl Büche ist verantwortlich für viele große Errungenschaften." Er habe die Brau Union zur fünftgrößten Braugruppe der Welt gemacht. Den Glauben, dass der ehemalige Präsident der oberösterreichischen Industriellenvereinigung und vormalige Aufsichtsrat der ÖIAG seiner Gattin und Schwiegertochter Vertrauliches mitgeteilt habe, könne die Anwältin nicht teilen: Büche war schließlich schon in "vielen heiklen Positionen", zudem habe seine Schwiegertochter Astrid schon vorher in Aktien des Unternehmens investiert.

Börse-Neulinge kauften

unberaten Aktien-Pakete

Doch nicht alle Familienmitglieder haben zuvor schon mit Aktien gehandelt, meint der Staatsanwalt: Eine der Beschuldigten hatte beispielsweise zuvor ihr Geld nur in sicheren Veranlagungen. "Und auf einmal ruft die Physiotherapeutin in der Bank an und kauft 40.000 Aktien ohne vorherige Beratung." Sie hatte den richtigen Riecher - und machte 350.000 Euro Gewinn.

Die Verteidigung versucht nun darzulegen, dass die gesamten Zukäufe einerseits eher Zufall waren - schließlich hatten viele Familienmitglieder über die Jahre immer wieder BBAG-Aktien gezeichnet - andererseits sich aber jeder Börsianer ausrechnen konnte, dass eine Übernahme bevorstehen könnte: "In den Medien ist schließlich immer wieder von Gerüchten berichtet worden", heißt es seitens der Verteidigung. Der Deal hätte auch platzen können - wie Jahre zuvor, als Carlsberg an der Brau Union interessiert war.

"Jeder Spekulation war damit Tür und Tor geöffnet", meint Verteidiger Wolfgang Brandstetter. "Strafbar macht sich nur der, der es nicht nötig hat, zu spekulieren. Dass der Verkauf zustande kommt, das war ja nicht ganz sicher."

Das Gesetz hingegen verlange für den Insidertatbestand "eine genau gesicherte Information von erheblicher Kursrelevanz."