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Keine Grenzen, keine Limits?

Von WZ-Korrespondent Andreas Hackl

Wirtschaft

Die digitalisierte Weltwirtschaft bietet neue Möglichkeiten für arbeitssuchende Flüchtlinge.


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Glasgow. Jeden Sonntag trifft sich die Gruppe von Flüchtlingen am Stadtrand von Glasgow in einer alten Fabrikhalle zur Weiterbildung. Sie sind unterschiedlicher Herkunft und sprechen verschiedene Sprachen, dabei verbindet sie ein gemeinsames Problem: die hürdenreiche Arbeitssuche im Gastland. Seit sie an dem Kurs teilnehmen, verbinden sie außerdem immer mehr gemeinsame Sprachen: Nicht etwa nur Englisch, das die meisten bereits sprechen, sondern HTML, SQL und JavaScript. Unterrichtet von freiwilligen Branchenexperten, lernen sie Programmieren, um hoffentlich bald für Firmen in Glasgow, London oder irgendwo in der Welt zu arbeiten. Ein globaler digitaler Arbeitsmarkt macht es möglich.

Digitale Technologie und ihr Einfluss auf die Arbeitswelt wird oft mit den großen technologischen Umwälzungen der industriellen Revolution verglichen: Die Angst vor Automatisierung geht einher mit der Ausbeutung billiger Arbeitskraft und einem wachsenden Bedarf an technischer Expertise. Nur ist dieser Prozess im Jahr 2018 nicht an Massenarbeit in Fabrikhallen abzulesen, sondern an Computern, Smartphones und dem Internet.

Millionen Freischaffende

Die Bandbreite der Jobs reicht vom allgegenwärtigen Taxidienst Uber in die unsichtbare Welt von Millionen Freischaffenden die für Onlineplattformen wie Upwork oder Cloudfactory arbeiten. Diese Online-Billigarbeit auf Abruf kommt zunehmend aus Entwicklungsländern, immerhin hatten 2018 erstmals mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung Internetzugang. Gleichzeitig war 2018 ein Jahr mit 65 Millionen Flüchtlingen weltweit, ein historischer Rekord. Die meisten haben nur beschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt oder finden aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse und Schulungen einfach keinen Job.

Angesichts des globalen Angebots an digitaler Arbeit und der Massenarbeitslosigkeit von Flüchtlingen drängt sich also eine Frage auf: Bietet die digitalisierte Weltwirtschaft unter Umständen eine neue Chance für arbeitssuchende Flüchtlinge?

Die Flucht aus der Heimat bringt oft Verlust von Familienmitgliedern, Besitz und Heimat mit sich. Vergessen wird dabei der "Verlust einer Berufsidentität", sagt eine freiwillige Helferin beim Kurs in Glasgow. "Programmieren hilft ihnen, diese Identität wiederherzustellen oder eine neue zu entwickeln."

Bei Mohamed, der aus dem Sudan flüchtete, hat das bereits funktioniert. Vor einem Jahr zu Weihnachten hatte er noch im Warenhaus von Amazon Pakete sortiert. Dank des Programmierkurses hat er jetzt eine Teilzeitstelle in einem Projekt, das eine Smartphone-App für Flüchtlinge in London entwickelt. Sollten die Kursteilnehmer trotzdem keinen passenden Job vor Ort finden, bleibt immer noch der digitale Arbeitsmarkt im Netz. Heute können einfache digitale Arbeiten von fast überall auf der Welt erbracht werden. Das reicht von sogenannten Click-Farmen in Bangladesh zu Trainingszentren für künstliche Intelligenz in Zentralafrika.

"Tech for Food"

Die Forschung von Mark Graham an der Universität Oxford zeigt etwa, wie in afrikanischen Orten, wo viele noch in Strohhütten leben, Großraumbüros Algorithmen "trainieren": Hunderte Arbeiter sortieren dort tagtäglich Informationen und benennen Objekte in Bildern amerikanischer Städte, die sie nie besuchen werden. Dadurch wird die Software für selbstfahrende Fahrzeuge verbessert. Die digitale Trennung von Arbeitsort und Arbeit ist besonders für Flüchtlinge relevant, die in einem fremden Land leben.

Smartphones sind zwar schon lange eine Kommunikationsgrundlage von Flüchtlingen, doch ihr Zugang zum digitalen Arbeitsmarkt ist erst seit einigen Jahren Thema. Das vor allem in Städten mit innovativem Technologiesektor und Start-up-Szene, wie etwa Berlin und Beirut. "Tech for Food" heißt etwa eine Initiative in der libanesischen Hauptstadt Beirut, die es Flüchtlingen ermöglichen soll, online ihr eigenes Geld zu verdienen.

Das Projekt des UN-Welternährungsprogramms (WFP) will sie über Programmierkurse in die digitale Wirtschaft einbinden: "Aus der Entfernung zu arbeiten ist in vielen Industriebereichen bereits die Norm, was digitale Fertigkeiten fordert", schreibt das WFP. Tech for Food will "der wachsenden globalen Nachfrage folgen, die arbeitsintensive Jobs für schlecht Ausgebildete bietet, wie etwa Dateneingabe, Datenbereinigung, Bildannotation, und Fotobearbeitung." Neben Kursen gibt es mittlerweile eigene Arbeitsplattformen für Flüchtlinge, wie etwa zum Online-Verkauf von Übersetzungen oder Arabischkursen, für 10 US-Dollar die Stunde über Skype.

Jordanien-Pakt von 2016

Grundsätzlich bietet der digitale Arbeitsmarkt eine Chance für Flüchtlinge und arbeitssuchende Migranten. Sie sind oft vom lokalen Arbeitsmarkt im Gastland ausgeschlossen und brauchen globale Alternative. Das wird für Flüchtlinge vor allem dann wichtig, wenn ihr Exil Jahre dauert und die Rückkehr ins Heimatland nicht möglich ist. Ursprünglich sollte das in der Nachkriegszeit geschaffene Flüchtlingsregime vor allem jenen kurzfristigen humanitären Schutz bieten, die aufgrund ethnisch oder religiöser Verfolgung aus ihrem Heimatland vertrieben wurden. Das temporäre Flüchtlingslager symbolisiert diesen Ansatz. Nur bietet es keine nachhaltige Lösung zu Zeiten von mehr als 65 Millionen Vertriebenen, mit lang anhaltenden Konflikten und chronisch instabilen Regionen. Arbeit rückt damit ins Zentrum der Lösungsversuche.

Im Jordanien-Pakt von 2016 haben milliardenschwere Investitionen und Handelsabkommen mit der EU Jordanien dazu gebracht, Teile des Arbeitsmarkts für hunderttausende Flüchtlinge zu öffnen. Dieser Ansatz sieht Flüchtlinge als teilautonome wirtschaftliche Akteure, nimmt damit aber auch der internationalen Gemeinschaft Verantwortung ab.

Viele könnten fragen: Warum für humanitäre Hilfe spenden, wenn sie Zugang zu Arbeit haben? Der digitale Arbeitsmarkt könnte den Prozess der "Verwirtschaftlichung" des Flüchtlingsproblems beschleunigen. Auch wenn viele bislang davon ausgeschlossen bleiben. Zwischen Containern und wartenden Familien im Aufnehmezentrum der UNHCR in Beirut werden die Grenzen der digitalen Wirtschaft schnell klar: 80 Prozent der Flüchtlinge aus ländlichen Regionen, die hier im ersten Jahr aus Syrien ankamen, waren nie zuvor im Internet. Im Interview vor Ort brachte es ein UNHCR-Experte auf den Punkt: "Die digitale Welt bleibt hier eine Herausforderung."