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"Keine hirnlosen Fanatiker"

Von Toumaj Khakpour

Politik
"Ein Dorn im Auge" waren Youssuf Özgürs Texte so manchem.
© Khakpour

Künstler thematisiert Diskriminierung im Heimatland und im Exil.


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Wien. "Warum habt ihr Angst vor Diversität, mein Nachname ist meine Priorität, von euch habe ich gelernt, was heißt Kriminalität", taktet Youssuf Özgür über den Beat von seinem Song "Paragraph 8". Er macht dabei einen ernsten Eindruck, denn sein Leben ist von diesem Paragrafen des Asylgesetzes bestimmt: Özgür ist subsidiär Schutzberechtigter. Das sind Personen, die keinen Asylstatus zugesprochen bekommen haben und "deren Leben oder Gesundheit im Herkunftsland trotz fehlender Flüchtlingseigenschaft im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention in Gefahr ist". Sie bekommen ein vorläufiges Aufenthaltsrecht in Österreich und erhalten Familienleistungen derzeit nur, wenn sie keine Leistungen aus der Grundversorgung beziehen und erwerbstätig sind.

Özgür hat mehrmalige Fluchterfahrungen hinter sich und kam Ende 2010 nach Österreich. "Ich habe mein altes Leben geopfert, um hier wieder bei null anzufangen", sagt er und klopft dabei auf den Tisch. Er ist vor den politischen und gesellschaftlichen Umständen in seinem Heimatland Afghanistan geflohen, wie er sagt.

Doch von vorne: Özgür wird 1987 in einem kleinen Ort in der nordafghanischen Provinz Balkh geboren. Als Mitglieder der usbekischen Minderheit in Afghanistan, einer weitestgehend ausgegrenzten Volksgruppe, geht das Leben für ihn und seine Familie nur schwer voran: "Arbeit, Religion, Bildung - alles wird dir dort schwer gemacht." Mit Anfang zwanzig will Özgür auf musikalischem Wege dagegen ankämpfen. Er fängt an, Raptexte zu schreiben, sie auf Beats zu packen und durch Freunde und Internet zu veröffentlichen. Rap als Reaktion auf aktuelle Missstände auch in Afghanistan, so wie in den goldenen Anfangstagen des US-HipHop. Gerappt hatte er bislang in seiner Muttersprache Usbekisch. Deshalb kennen ihn vor allem Hörer aus dem usbekisch-afghanischen Raum. Auf seinen alten YouTube-Videos kann man ein paar tausend Klicks verzeichnen.

Begonnen hat seine Karriere mit einem Affront: "Als in Saudi-Arabien ein Rapper die dort lebenden Afghanen beleidigte, schrieb ich kurzerhand einen Gegentext und bekam dafür Zuspruch." Musikalisch will er sich nicht eindeutig zuordnen lassen: "Ich bin vielseitig, wie ein Chamäleon", gibt er zu verstehen. Özgür ist sprachlich begabt, kann sich in Farsi/Dari, Türkisch, Arabisch, Russisch, Urdu, Pashtu und Englisch verständigen. Vorbilder wie Dr.Dre, Tupac, Ice Cube, Timati oder Outlandish hört er gerne, analysiert ihre Auftritte und eifert ihnen nach.

Verstümmelte Schwester

Als er sich afghanischen Protestkundgebungen gegen soziale Diskriminierung in seiner Provinz anschließt, in der auch seine Musik gespielt wird, gerät Özgür selbst in Gefahr: "Ich wurde von Unbekannten entführt, die Vorderzähne wurden mir herausgebrochen und ich erlitt schwere Verletzungen am rechten Fuß", erzählt er. Dabei muss er schlucken. Bei einem weiteren Anschlag auf seine Familie verliert seine Schwester vier Finger. Özgür glaubt zu wissen, warum: "Meine politischen Texte waren manchen wohl ein Dorn im Auge."

Youssuf Özgür, der sich als Rapper "Youssufu" nennt, beschließt 2010, Afghanistan in Richtung Europa zu verlassen und flüchtet nach Österreich: "Anfangs hat man mir nicht einmal geglaubt, dass ich tatsächlich aus Afghanistan komme", erzählt er gekränkt. Im März 2011 wurde ihm subsidiärer Schutz nach Paragraf 8 gewährt. Ende 2012 folgte ihm schließlich seine Frau nach Österreich nach. Seinen derzeitigen Aufenthaltsstatus nach Paragraf 8 hat er zum Anlass genommen, um auf seine Umstände aufmerksam zu machen. In Österreich leben rund 12.000 subsidiär Schutzberechtigte. "Bislang habe ich keinen positiven Asylbescheid. So wie mir geht es auch vielen anderen auf der Welt, die nicht mehr in ihrem Heimatland leben können, und darauf wollte ich mit dem Song ,Paragraph 8‘ aufmerksam machen."

Eineinhalb Jahre hat er an seinem neuen Album gearbeitet. Vor allem die sprachlichen Barrieren und die finanziellen Aufwendungen für die Produktion haben das Projekt zeitlich nach hinten gerückt. Jetzt fühlt sich Özgür bereit, mit dem Material an die Öffentlichkeit zu gehen: "Ich bin sehr glücklich darüber, hier leben zu dürfen, aber gleichzeitig bekomme ich auch negative Seiten des Zusammenlebens mit, die ich ansprechen möchte." Die Rede ist von Alltagsrassismus, Migration, Identität und sozialer Diskriminierung, eben jenen Problemen, mit denen auch europäische Migranten zu kämpfen haben, wie Özgür betont. Gleichzeitig würde das Thema Asyl durch Parteien wie der FPÖ nur negativ behandelt, dies würde zu einem unerfreulichen Meinungsklima führen, sagt Youssufu. "Es ist beispielsweise nicht leicht, eine Wohnung zu finden, wenn du einen ausländischen Nachnamen hast, dies musste ich selbst erfahren", erzählt der 27-Jährige. Das Herabschauen auf den so genannten "Asylanten" in vielen Wiener Ämtern stört ihn ebenso. Auch deshalb sein Track "Paragraph 8".

Özgür kennt Weggefährten, die jahrelang auf einen positiven Bescheid vom Asylgerichtshof (seit 2014 ging er in das Bundesverwaltungsgericht über) warten. "Es sind gute Menschen und keine Kriminellen. Sie zahlen Steuern und achten die Gesetze", sagt er. Und trotzdem können sie nicht verreisen, dies bekomme man dann zu spüren, wenn man unter allen Umständen reisen muss: "Vor zwei Jahren war meine Mutter schwer krank und ich konnte sie nicht besuchen."

Neue Generation

Der HipHop markierte bislang entscheidende Phasen seines Lebensweges, bis jetzt veröffentlichte er drei selbst produzierte Alben, oftmals scharf mit der Politik in Afghanistan und kritisch gegenüber ungerechten Verhältnissen. In seiner kurzen Zeit in Österreich hat er sich engagiert, hat HipHop-Workshops gegeben, ist mit seiner Musik an Veranstaltungsorten aufgetreten und repräsentiert als Obmann des jungen, afghanischen Kulturvereins eine neue, nach vorn blickende Generation von Afghanen in Österreich. "Das ist wichtig, dass wir dagegen ankämpfen und den Leuten zeigen, dass wir keine hirnlosen Fanatiker sind", sagt Özgür und klopft abermals auf den Tisch.