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Keine Hoffnung am Hindukusch

Von Michael Schmölzer

Analysen

Afghanistans Präsident Hamid Karzai demonstriert Selbstbewusstsein. Am Mittwoch verglich er sein Land mit einem "Löwen", forderte vor 2300 Stammesführern und lokalen Größen "volle Souveränität für Afghanistan" und erklärte, die USA hätten in inneren Angelegenheiten bald nichts mehr mitzureden. "Night Raids", Razzien ausländischer Soldaten, dürfe es nicht mehr geben, denn Afghanistan lasse sich nicht "mit Füßen treten".

Die 2300 Delegierten der Ratsversammlung "Loya Jirga" lauschten den Worten des Präsidenten mit Skepsis, den meisten war nicht klar, zu welchem Zweck sie eigentlich nach Kabul zitiert worden waren. Die Tagesordnung blieb im Dunkeln, sicher war nur, dass es um die künftige strategische Partnerschaft mit den USA gehen werde - und dass man nicht zur Fassung von Beschlüssen zusammengekommen war. Laut Verfassung ist die Ratsversammlung aber die "höchste Manifestation des Willens des afghanischen Volkes". Am Mittwoch sahen sich die Stammesältesten zu Statisten degradiert, vor denen Karzai seine Luftschlösser bauen konnte und von denen Applaus erwartet wurde.

Die Zeit drängt für den US-gestützten Präsidenten, denn Washington will 2014 seine Soldaten abziehen. Karzai gibt zwar Probleme im Bereich der Sicherheit zu, sieht aber die Weichen für ein florierendes Afghanistan gestellt. Die Gefahr ist freilich groß, dass der afghanische Zug schon in naher Zukunft entgleisen könnte. Die Pläne, die der Westen nach der Invasion 2001 hatte, sind längst gescheitert. Dass am Hindukusch doch noch ein demokratisches und stabiles Land mit US-freundlicher Regierung entsteht, daran glaubt keiner mehr. Die radikal-islamischen Taliban konnten nach zehn Jahren Krieg nicht von der Nato-geführten Schutztruppe Isaf besiegt werden. Die Fundamentalisten kontrollieren weite Teile des Landes, haben den Staatsapparat infiltriert und warten nur auf ihre Chance, erneut die Macht zu übernehmen. Viele Afghanen gehen davon aus, dass die Zukunft den Taliban gehört. Die Islamisten verbreiten Angst und Schrecken, sie destabilisieren das Land mit Anschlägen. Lange hat man sich im Westen und in Kabul der Illusion hingegeben, dass man mit den Taliban Frieden schließen könne - doch daran glaubt jetzt niemand mehr.

Afghanistan ist korrupt, die Parlamentswahlen, die unter großer internationaler Anteilnahme abgehalten wurden, gerieten zur Farce. Sie waren nicht fair und demokratisch, das musste auch die Internationale Gemeinschaft einräumen. Und dass die afghanische Armee die Taliban künftig im Alleingang in Schach halten kann, wird von internationalen Militärexperten bezweifelt.