Zum Hauptinhalt springen

Keine Hormone gegen dicke Bäuche

Von Rosemarie Kappler

Wissen

Schon ab 40 sinkt die Menge des Geschlechtshormons. | Teufelskreis aus Mangel und Stoffwechselstörungen. | Homburg. Die Muskeln werden schlaffer, das Fett anhänglicher, die Haut wird trockener und die Knochen können brüchiger werden. Testosteron beeinflusst beim Mann also nicht nur die Sexualität und Psyche, wie allgemein angenommen wird, vielmehr regt das Hormon auch den Aufbau von Knochen und Muskeln an und verringert die Fettmasse. Doch mit den Jahren nimmt die Menge des Sexualhormons langsam ab: Der mittlere Serum-Testosteronspiegel sinkt ab dem 40. Lebensjahr um ein bis zwei Prozent pro Jahr.


"Wie wir jetzt wissen, ist Testosteronmangel aber nicht nur eine Frage des Alters", sagt der Neuroendokrinologe Christof Schöfl vom Universitätsklinikum Erlangen. Forscher um Harald Jörn Schneider von der Medizinischen Klinik Innenstadt des Klinikums der Universität München haben im letzten Jahr zeigen können, dass ein Rückgang des Hormons mehr mit Übergewicht und chronischen Krankheiten zu tun hat als unmittelbar mit dem Alter.

Herausgefunden haben die Stoffwechselexperten dies, als sie die Ergebnisse einer umfassenden Studie zur Häufigkeit von Herzkreislauf-Erkrankungen genauer unter die Lupe nahmen. Für die Detect-Studie hatten vor sechs Jahren Hausärzte in rund 3200 Praxen mehr als 50.000 Patienten körperlich untersucht. Bei rund 2700 Männern war dabei auch das Geschlechtshormon bestimmt worden: Bis zu 40 Prozent der Männer mit dickem Bauch, gestörtem Stoffwechsel oder einem Diabetes mellitus Typ 2 mangelt es an Testosteron.

"Waist-Height-Ratio"

Hormonmangel und chronische Erkrankungen scheinen sich gegenseitig zu beeinflussen. Schöfl, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, bestätigt: "Es existiert offensichtlich ein Teufelskreis aus niedrigem Testosteron und vermehrtem Fettgewebe und den damit assoziierten Stoffwechselstörungen." Schneider: "Insbesondere Übergewicht mit einer ungünstigen Fettverteilung im Körper tritt gemeinsam mit einem niedrigen Testosteronspiegel auf. Die Fettverteilung lässt sich am Verhältnis aus Taille und Körpergröße ermitteln." Diese "Waist-Height-Ratio (WHtR)" ergibt sich aus dem Umfang der Taille, geteilt durch die Körpergröße. Als kritisch werten die Experten eine WHtR ab einem Wert von 0,5.

"Auch Studien-Teilnehmer mit Metabolischem Syndrom, einer Funktionsstörung der Leber oder entzündlichen Erkrankungen zeigten häufiger niedrige Testosteronspiegel", sagt Schneider. Das Gleiche gelte auch für Patienten, die sechs oder mehr Medikamente einnahmen. Und auch bei Krebspatienten fanden die Forscher oft einen Hormonmangel.

Hormontherapie

Daraus nun den Umkehrschluss zu ziehen, dass Übergewicht und chronische Erkrankungen die Ursache des Testosteronmangels sind, ist jedoch unzulässig. Zwar gibt es kleinere Studien mit Untersuchungen an Männern mit einem Diabetes mellitus Typ 2, die aufgrund von Testosterongaben tatsächlich Bauchfett verloren. Auch das zuckerregulierende Hormon Insulin schien aufgrund des Testosterons besser zu wirken, weshalb sich der Diabetes wirksamer behandeln ließ.

Da theoretisch ein Testosteronmangel umgekehrt aber auch Übergewicht begünstigen kann, sind sich die Experten einig, dass bei Fettleibigkeit ein niedriger Hormonspiegel alleine noch lange keine Hormontherapie rechtfertigt. Dies sei nur dann sinnvoll, wenn der Hormonmangel Beschwerden auslöst. Und auch dann müssten die Vorteile mit den Risiken einer langjährigen Hormonbehandlung abgewogen werden - so ist etwa das Prostatakarzinom ist in seinem Wachstum fast gänzlich vom Testosteron abhängig und wird nun mit einem neuen "Antihormon" behandelt.

Die Entscheidung kann deshalb nur im Einzelfall nach genauen Laboruntersuchungen und intensiven Beratungen durch einen Facharzt gestellt werden. Schöfl ist sich bei der Mehrheit aller Betroffenen sicher: "Nur eine dauerhafte Gewichtsabnahme kann den Teufelskreis zwischen Übergewicht und Testosteronmangel durchbrechen."

Bluthochdruck

Eine hormonelle Störung steckt meist auch hinter einer Form des Bluthochdrucks, von dem rund 15 Prozent der Hypertoniker betroffen sind. Derzeit diskutieren die deutschen Endokrinologen über die wirksamste medikamentöse Therapie dagegen.

www.endokrinologie.net