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Keine Nostalgie, keine Hoffnung

Von Peter Nonnenmacher

Analysen

US-Präsident Obama bedeutet in London den Brexit-Befürwortern, dass der Traum einer neuen "Anglosphäre" eine Illusion ist.


Der Besuch bei der Queen war nebensächlich. Nicht wegen ihr war Barack Obama angereist. Sondern aus Sorge darüber, dass die Briten am 23. Juni aus der EU ausscheren. Mit seinem London-Aufenthalt an diesem Wochenende wollte der US-Präsident das amerikanische Gewicht zugunsten weiterer britischer Mitgliedschaft in der Union in die Waagschale werfen - bevor das Zünglein endgültig auf Brexit zeigt.

Ernst genug ist die Situation für Gastgeber David Cameron geworden. Der Ausgang des Referendums ist völlig offen. Das hatte der Brite so nicht erwartet. Die Kavallerie in Form von Air Force One wurde zu Hilfe gerufen, um Camerons bedrängtes Trüpplein zu entlasten. Von einem populären US-Präsidenten, kalkulierte Cameron, würden sich seine Landsleute eher etwas sagen lassen als von Brüsseler Bürokraten oder vom IWF.

Unmittelbar setzte sich Obama so mit der Vision der Brexit-Befürworter vom engen Bündnis mit Washington als der großen Alternative zur EU-Mitgliedschaft auseinander. Und ließ wenig Zweifel daran, dass Britannien nach amerikanischer Auffassung als "Brücke" zu Europa nur innerhalb der EU funktionieren kann. Dass es außerhalb der EU wenig Aussicht auf Einfluss, auf eigene Handelsverträge, auf Beachtung durch Washington hat. Zumal wenn Schottland sich von England trennen sollte und Britannien weiter schrumpft.

Auch Commonwealth-Staaten von Indien bis Neuseeland haben schon deutlich gemacht, dass der Traum von einer neuen, weltumspannenden "Anglosphäre" eben nur das ist: eine Illusion, ein Brexit-Traum. Wie sehr sich die britischen EU-Gegner von dieser harschen Abweisung getroffen fühlen, zeigt die Schärfe ihres Protests gegen Obamas "Einmischung", gegen die "Heuchelei und Scheinheiligkeit" Washingtons. Boris Johnson, der schon im Sommer neuer Premier sein könnte, erlegt sich mittlerweile fast so wenig diplomatische Zurückhaltung auf wie Donald Trump in den USA.

Ausgeschlossen ist natürlich nicht, dass Obamas London-Auftritt der Brexit-Seite weiteren Auftrieb gibt. Eigenwilligkeit liegt den Briten im Blut. Und die Abneigung gegen die EU sitzt tief. Bisher unentschiedenen Briten könnte Barack Obama aber auch deutlich gemacht haben, dass Nostalgie und unrealisierbare Hoffnungen kein gutes Motiv für eine Brexit-Stimme im Juni wären. Das war wohl der Sinn des letzten Trips seiner Präsidentschaft nach London.