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"Keine Panik, vor dem Wochenende geht der Welt das Öl nicht aus . . ."

Von Helmut Dité

Analysen

Saudi-Arabiens Ölreserven - die größten der Welt und Garant für die Versorgungssicherheit der westlichen Welt - sollen laut einem Wikileaks-Dokument um ganze 40 Prozent niedriger sein als bisher angenommen - und der Markt reagiert überhaupt nicht. Im Gegenteil, die Preise an den Ölbörsen geben sogar leicht nach. Fürchtet sich keiner vor einem schneller als gedacht näherrückenden Ende des Ölzeitalters?


"Keine Panik, der Welt wird das Öl auch vor diesem Wochenende nicht ausgehen", beruhigt Bradley Schaeffer, Gründer und Chef der US-Ölhandelsfirma INFA Energy Brokers, einen aufgeregten Reporter.

Denn erstens ist das Dokument, das die Aufdeckerplattform Wikileaks diese Woche veröffentlicht hat, der Branche seit dem Jahr 2007 bekannt. Und zweitens enthält es falsche Zahlen: Die darin genannten mehr als 700 Milliarden Barrel Ölreserven enthalten auch die nur vermuteten Lagerstätten, nicht die sicheren. Mit nachgewiesenen Reserven von gut 220 Milliarden Fass Öl ist Saudi-Arabien in der offiziellen Opec-Statistik das Land mit den größten Reserven.

Seit kurzem macht ihm zwar Venezuela diesen Rang streitig. Man habe 2010 im Orinoco-Becken so viel Öl gefunden, dass die Reserven um die Hälfte auf fast 300 Milliarden Fass angestiegen seien, ließ Präsident Hugo Chavez im Jänner ausrichten. Doch die Saudis kontern: Da seien zu viele lediglich vermutete Reserven dabei, Venezuela bleibe mit 210 Milliarden Barrel auf Rang zwei der Opec-Weltrangliste. Auf deren dritten Platz - nunmehr vor dem Iran - ist Ende vorigen Jahres übrigens der Irak vorgestoßen: Seine Reserven sind um fast ein Viertel höher als vor einigen Jahren angenommen und umfassen mindestens 143 Milliarden Barrel Öl.

Insgesamt machen die gesicherten Ölreserven der Welt gut 1,3 Billionen Fass aus - das reiche für die nächsten 40 Jahre, heißt es im Standardwerk "Statistical Review of World Energy" von BP.

Und dort steht das seit gut 40 Jahren so: Denn seit erstmals die Angst vor dem "Peak-Oil", der Grenze des Wachstums, ausbrach - den Begriff hat schon 1956 die Geophysikerin Marion Hubbert eingeführt, 1968 machte ihn der Club of Rome populär -, wurde jedes Jahr etwa so viel neues Öl gefunden, wie die Welt verbrauchte.

Dass jetzt die Ölpreise wieder auf mehr als 100 Dollar gestiegen sind, hängt nicht mit der Angst vor Knappheit zusammen, sondern mit dem vor dem Hintergrund der anziehenden Weltkonjunktur wieder - vor allem in China und anderen Schwellenländern - steigenden Verbrauch.

In ihrem am Donnerstag in Paris veröffentlichten Ölmarktbericht revidierte die Internationale Energieagentur IEA ihre Prognose für das laufende Jahr auf 89,3 Millionen Barrel (je 159 Liter) täglich, um 1,5 Millionen Fass mehr pro Tag als 2009. Aber auch diese Prognoseanhebung war schon eingepreist, an den Ölmärkten rührte sich nichts.