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Keine Schonfrist für neuen Präsidenten Alvaro Uribe

Von Jan-Uwe Ronneburger

Politik

Bogota - Nicht eine Sekunde Schonfrist wurde dem neuen kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe gegönnt. Während der 50-jährige Hardliner am Mittwoch im Parlamentsgebäude seinen Amtseid ablegte und die Bedeutung von Recht und Ordnung betonte, versank die Welt draußen in Tod und Chaos. In einem nahe gelegenen Armenviertel aber auch auf dem Parkplatz hinter dem Parlament sowie in der Nähe des Präsidentenpalastes explodierten Bomben und Raketen. 16 Menschen fanden bei den Anschlägen den Tod und 40 weitere wurden zum Teil schwer verletzt.


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Zunächst bekannte sich niemand zu den Taten. Das ist aber in Kolumbien auch nicht üblich. Die Anschläge trugen nach Einschätzung der Polizei und der nationalen Medien eindeutig die Handschrift der marxistischen Rebellengruppe "Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens" (FARC).

Sie haben dem neuen Präsidenten nach Auffassung kolumbianischer Kommentatoren eine eindeutige Warnung zukommen lassen: "Unterschätze uns nicht."

Schon jetzt kontrollieren sie weite Teile der ländlichen Gebiete. Uribe bleibt nicht viel Zeit, Erfolge im Kampf gegen die Rebellen und gegen die schwere Wirtschaftskrise vorzuweisen. Nur ein Jahr geben ihm dafür politische Beobachter in Bogota, bis der Rückhalt in der Bevölkerung schwinden könnte.

Die FARC mit 17.000 Männern, Frauen und Kindern unter Waffen größte Rebellengruppe Kolumbiens hatten das Land bereits in den vergangenen Tagen mit einer Welle tödlicher Anschläge überzogen. In der nördlichen Provinz Cordoba sollen sie am Montag bei einem neuen Massaker mindestens zwölf Zivilsten umgebracht haben.

Armut treibt Guerilla neue Kämpfer zu

Die extreme Armut eines Teils der Bevölkerung treibt der Guerilla ständig neue Kämpfer zu. Die meist sehr jungen Leute, die kaum Chancen auf Bildung hatten, sind leichte Beute für die Rebellen. Die Einnahmen aus dem Drogenschmuggel sorgen zudem für eine stets gefüllte Kriegskasse und guten Sold für die Revolutionäre.

Uribe hat seinen überzeugenden Wahlsieg vom Mai vor allem der mit ihm verknüpften Erwartung zu verdanken, mit der Guerilla nicht lange zu fackeln. Entweder die Guerilla verhandelt ernsthaft über Frieden und beendet die Angriffe gegen die Zivilbevölkerung oder sie wird militärisch unterworfen, koste es was es wolle. So oder so ähnlich äußern sich viele Kolumbianer, wenn sie nach einer Lösung für den seit fast 40 Jahren andauernden Konflikt gefragt werden.

Konzessionen will kaum noch jemand machen, nachdem Uribes Vorgänger Andrés Pastrana auf diesem Wege nicht weit gekommen ist. Ende Februar hatte er dreijährige Friedensbemühungen für endgültig gescheitert erklärt und die demilitarisierte FARC-Zone wiedererobern lassen. Seither herrschen dort wieder "normale" kolumbianische Verhältnisse. Polizei und Militär verschanzen sich in den größeren Städten. Die Landbevölkerung hingegen ist der Willkür und dem Terror der verfeindeten linken und rechten Gruppen hilflos ausgesetzt. Auch die Anschläge vom Mittwoch trafen wieder die Ärmsten der Armen: Müllsammler und Drogenabhängige. Kolumbien stehen harte Zeiten bevor, befürchtet die Zeitung "El Tiempo".