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Keine Spur von Geisteskrankheit

Von Alexandra Grass

Wissen

Fünf Prozent der Menschen einmal im Leben von Epilepsie betroffen. | Betroffene leben in permanenter Angst. | Wien. Auch noch im 21. Jahrhundert ist die Epilepsie mit Mythen und Missverständnissen belastet. Dass Epilepsie und ein erfolgreiches Leben jedoch keinen Gegensatz darstellen, beweisen die Lebensläufe von Persönlichkeiten wie Julius Caesar, Albert Einstein, Alfred Nobel, Charles Dickens, Papst Pius IX. oder Elton John.


In Österreich sind es rund 65.000 Betroffene (davon etwa 30.000 Kinder und Jugendliche), die sich regelmäßig mit dem Unwissen ihrer Umwelt konfrontiert sehen. Noch immer glaubt eine Vielzahl an Menschen, dass es sich hierbei um eine Geisteskrankheit handelt, bedauert Liselotte Grössing-Soldan, Präsidentin des Epilepsie Dachverbands Österreich.

Dem zugrunde liegt allerdings eine Fehlfunktion von Nervenzellen im Gehirn, die zu den häufigsten chronischen Erkrankungen des zentralen Nervensystems zählt. Man schätzt, dass 5 Prozent aller Menschen im Laufe ihres Lebens mindestens einen epileptischen Anfall bekommen.

Die Ursachen sind vielfältig. Zum einen liegen sie in Schädigungen des Gehirngewebes infolge von Verletzungen, Entzündungen, Blutungen, Tumoren oder Sauerstoffmangel. Bei etwa der Hälfte aller Erkrankungen findet man hingegen mit den heutigen Untersuchungsmethoden keine Ursachen. Beobachtet wird, dass meistens Erregungszustände für die Attacken verantwortlich sind. Oft können Schlafmangel, Stress oder die Ruhe nach dem Stress die Störung im Gehirn aktivieren.

Neigung vererbbar

Wiewohl es sich laut Experten um keine Erbkrankheit im klassischen Sinn handelt, wird aber vermutet, dass eine gewisse Neigung des Gehirns, mit Anfällen zu reagieren, vererbt werden kann. Die Anfälle selbst sind unberechenbar und können die Betroffenen jederzeit überraschen. In ihrer schwersten Form äußern sich die Attacken in Bewusstseinsverlust, Sturz, Verkrampfung und Zuckungen. Der Anfall geht auch oft mit einem Zungenbiss einher. Die leichtere Form sind Verwirrungszustände oder Abwesenheiten.

Die meisten Epilepsiekranken können durch eine gezielte Behandlung anfallsfrei werden. Ist dies nicht möglich, so können zumindest der Schweregrad und die Häufigkeit reduziert werden.

Im Mittelpunkt steht die medikamentöse Therapie mit Antiepileptika. Bei einem Teil der Patienten kann, wenn der Herd lokalisierbar ist, auch ein chirurgischer Eingriff helfen.

Die sogenannte Vagusnerv-Stimulation kann angewendet werden, wenn sich jeglicher Therapieansatz als erfolglos erweist. Ein im Schulterbereich implantiertes schrittmacherähnliches Gerät wird mit dem Vagusnerv im Halsbereich verbunden. Der Pulsgenerator sendet regelmäßig elektrische Reize an das Gehirn, wodurch es bei etwa der Hälfte der Patienten zu einer Reduktion der Häufigkeit der epileptischen Anfälle kommt.

Die permanente Angst vor einem neuen Anfall überschattet das Leben der Betroffenen. Epileptiker gelten als chronisch krank, dürfen wegen der Unvorhersehbarkeit eines Anfalls kein Auto lenken und bestimmte berufliche Tätigkeiten nicht ausüben. Viele Betroffene ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück, leiden unter Depressionen und Suizidgedanken.

Die Attacken können mit einer Reihe von Komplikationen verbunden sein. Alltagsgefahren sind etwa der Sturz von der Leiter, Unfälle auf der Straße oder Ertrinken in der Badewanne. Schädigungen, die aufgrund der Muskelkontraktionen eintreten können, sind Wirbelbrüche, Platz-, Schnitt- oder Bisswunden.

Frühwarnsystem

Weltweit arbeiten daher Wissenschafter an einer Art Frühwarnsystem - einem Gerät zum rechtzeitigen Vorhersagen eines Anfalls. So werden etwa im Epilepsiezentrum im deutschen Freiburg derzeit die Gehirnströme von Patienten mittels Elektroenzephalogramm (EEG) aufgezeichnet, um das Nahen einer Attacke vorherzusagen. Die Forscher hoffen, Patienten mittels Elektroden im Kopf den Beginn eines Anfalls signalisieren zu können. Sie können sich dann zurückziehen und sich vor Verletzungen schützen. Wissenschafter mehrerer europäischer Kliniken forschen aber auch an einem geschlossenen System, das vor einem Anfall ohne Zutun des Menschen Medikamente freisetzt. Klinische Versuche sollen in zwei bis drei Jahren beginnen.

www.epilepsie.at