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Keine Stunde null für die Griechen

Von Hermann Sileitsch

Analysen

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"Die größte Streichung staatlicher Schulden", jubelte die griechische Tageszeitung "Kathimerini" am Freitag. Der Anleihentausch war tatsächlich ein Erfolg und lief erstaunlich zivilisiert ab. Einige Rechtsscharmützel werden aber sicher noch folgen. Welches Chaos die Kreditausfallversicherungen verursachen werden, kann auch niemand seriös abschätzen.

Unbestritten ist jedoch: Der Schuldenschnitt ist für die Griechen wie ein riesiges drittes Hilfspaket - und das Gros der privaten Gläubiger (Banken, Versicherer, Fonds) hat mehr oder minder freiwillig dazu beigetragen, die griechische Schuldenlast beträchtlich zu verringern. Dennoch: Den Griechen wird keine Stunde null, kein unbelasteter Neustart ermöglicht. Und das ist gut so. Ein kompletter Schuldenerlass hätte eine fatale Vorbildwirkung für andere Staaten, sich ihrer Probleme ebenfalls auf diesem Weg zu entledigen. Und es gäbe für Griechenlands Misswirtschaft dann keinen Anstoß zur Kursänderung.

Zweifel, ob die Griechen den Wandel schaffen werden, sind angebracht: Korruption und Steuerflucht sind hartnäckige Wegbegleiter, die Ausgangslage ist schlecht, die Prognosen von EU und Währungsfonds sind womöglich zu optimistisch. Und im besten Fall wird 2020 die Schuldenlast mit 120,5 Prozent so hoch sein wie heute in Italien. Wahrscheinlich werden weitere Hilfskredite notwendig sein. Die britische Denkfabrik Open Europe hat berechnet, dass Europas Steuerzahler nach dem Anleihentausch und dem zweiten Hilfsprogramm 2015 schon für 85 Prozent der griechischen Schulden direkt und indirekt geradestehen.

Es wäre wohl zynisch, von der griechischen Bevölkerung, die unter dem harten Spar- und Reformkurs leidet, Dankbarkeit zu verlangen. Erwarten kann man aber, dass die Griechen den Strohhalm ergreifen. Weitermachen wie bisher können sie ohnehin nicht.

Immer wieder sind Stimmen zu hören, Investoren, die sich mit Griechenland-Papieren verspekuliert hätten, geschehe der Verlust recht. Ein kurzsichtiges Argument. Spekulanten sind allenfalls Hedgefonds, welche die Papiere gekauft haben, als sie nichts mehr wert waren und jetzt vor Gericht den vollen Preis erstreiten wollen. Hingegen war es politisch gewollt, dass Banken und Versicherer Euro-Staatspapiere kaufen. Diese galten als risikofrei, und Europas Politik hat den Mythos nach Kräften befördert. Außerdem brauchen alle Staaten nun Investoren dringender denn je - statt diese zu vergrätzen, sollte man sie vielmehr hofieren. Sonst wird bald niemand mehr die Staatsdefizite finanzieren.