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Keine US-Beweise für die Waffenprogramme des Irak

Von Christiane Oelrich

Politik

Washington - Für die Mehrheit der Amerikaner ist das Thema Massenvernichtungswaffen im Irak längst vom Tisch. Der Krieg habe sich schließlich auch gelohnt, wenn diese Waffen nie gefunden würden, meinten 56 Prozent der Befragten in einer Umfrage der "New York Times". Damit könnte die Regierung das Thema eigentlich getrost einschlafen lassen - wenn da nicht die bohrenden Fragen aus dem Ausland und in der Presse wären.


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Nachdem es den Amerikanern trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen war, Saddam Hussein mit dem El-Kaida-Terrornetzwerk in Verbindung zu bringen, wurden die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak zum wichtigsten Kriegsgrund. "Geheimdienstinformationen meiner und anderer Regierungen lassen keinen Zweifel daran, dass das irakische Regime einige der tödlichsten Waffen, die je hergestellt wurden, besitzt und versteckt", sagte Bush vor Kriegsbeginn in seiner Ultimatumrede. Außenminister Colin Powell schätzte die irakischen Giftgasbestände öffentlich auf 100 bis 500 Tonnen.

Doch das Absuchen von 17 der 19 am meisten verdächtigen Lagerstätten hat bislang nichts erbracht. Auch in Dutzenden anderen Einrichtungen fand sich nichts. Einmal erwiesen sich verdächtige Fässer als Mülltonnen, dann stellten sich Chemikalienrückstände als harmlose Putzmittel heraus. US-Beamte richten ihre Hoffnung jetzt auf zwei Lastwagen. Sie könnten möglicherweise einmal als mobiles Biowaffenlabor genutzt worden sein. Die Untersuchungen laufen schon seit über einer Woche, ohne dass bisher ein Ergebnis bekannt gegeben worden wäre.

Ein richtiger Kracher im Sinne des "rauchenden Colts", den die USA schon in den Zeiten suchten, als die UN- Waffeninspektoren noch im Irak unterwegs waren, wäre das aber ohnehin nicht. Auch die inzwischen festgenommenen Iraker haben die US-Hoffnung auf einen Durchbruch bislang enttäuscht. Weder "Dr. Bazillus" noch "Dr. Anthrax", die irakischen Wissenschaftlerinnen Rihab Taha und Huda Ammasch, die maßgeblich am irakischen Biowaffenprogramm beteiligt gewesen sein sollen, sind gesprächig. Auch andere Iraker halten an der Aussage fest: Sämtliche Bestände wurden längst vernichtet.

Offiziell heißt es in Washington, die Suche nach biologischen und chemischen Kampfstoffen werde fortgesetzt. Doch reisen die ersten Suchtrupps bereits frustriert ab. Im Erklärungsnotstand äußern US-Militär und Regierungsbeamte neue Theorien: Vielleicht sei das gefährliche Material ja bei den Plünderungen abhanden gekommen.

Nichts zu finden wäre nach dem öffentlichen Getöse um angeblich hoch verlässliches Geheimdienstmaterial peinlich für die USA. "Wo sind denn diese Arsenale von Massenvernichtungswaffen?" höhnte der russische Präsident Wladimir Putin bereits beim Treffen mit dem britischen Premier Tony Blair vor zwei Wochen.

So baut die US-Regierung langsam vor und beginnt still und leise, die Linie zu ändern. Saddam habe die Waffen jahrelang versteckt und die UNO an der Nase herumgeführt, sagte Bush unlängst in Ohio. "Aber wir wissen, dass er sie hatte. Und ob er sie zerstört, verlegt oder versteckt hat, wir werden die Wahrheit herausfinden." Und wenn die Bestände tatsächlich zerstört worden wären, wäre das ja eine passende Erklärung, warum sich keine Spur mehr finden lässt. Dann würden Funde wie die vermeintlichen mobilen Biowaffenlabors nach Washingtoner Lesart immer noch beweisen, dass Saddam einmal düstere Absichten hatte.