Zum Hauptinhalt springen

Keine Zeit für den Ruhestand

Von Edgar Denter

Politik

Den Haag - Die niederländische Königin Beatrix I. bereitet sich zu ihrem 65. Geburtstag am heutigen Freitag nicht auf den Ruhestand vor. Sie hat alle Hände voll zu tun mit der wichtigsten Aufgabe, die dem gekrönten Staatsoberhaupt geblieben ist: Sie muss die Weichen für die Bildung der neuen Regierung stellen. Zum Feiern ist später Zeit, etwa an ihrem "amtlichen" Geburtstag, dem "Königinnentag" am 30. April. Sie hat aber die Staatsrente beantragt, die ihr bei Vollendung des 65. Lebensjahres zusteht wie jedem ihrer Untertanen. Das Geld wird einem guten Zweck zugeführt, wie dies schon ihr im Vorjahr verstorbener Prinzgemahl Claus getan hat.


Beatrix Wilhelmina Armgard von Oranien-Nassau wurde 1938 als älteste von vier Töchtern der damaligen Kronprinzessin Juliana und des Prinzen Bernhard zur Lippe-Biesterfeld geboren. 1980 bestieg sie nach der Abdankung ihrer Mutter den Thron. Die Monarchin, die verfassungsrechtlich über viel ausgedehntere Vollmachten verfügt als ihre britische "Kollegin", steht zwar über der Tagespolitik, in die sie sich offiziell nicht einzumischen hat. Von ihrem Auftrag hängt es aber zu einem Großteil ab, welcher Politiker nach einer Wahl die Möglichkeiten für die Bildung der neuen Regierung erkunden und dann auch aktiv nutzen darf. Dabei handelt sie nicht selbstständig. Das Verfassungsritual legt fest, mit wem sie sich zu beraten hat, ehe sie einen "Informateur" und später einen "Formateur" losschickt. Dass sie dabei ihre eigene Kenntnis der politischen Verhältnisse verleugnen muss, wird nicht verlangt.

Von Beatrix ist bekannt, dass sie ihre Aufgaben ernst nimmt. Die Mutter von drei Söhnen lege größten Wert auf ihre verfassungsmäßig verbrieften Rechte, um Rat gefragt zu werden, auf Entwicklungen zu verweisen und auch Anregungen zu geben, heißt es. Über den Inhalt der Akten wisse sie genau Bescheid, wenn sie den Regierungschef zur wöchentlichen Audienz empfängt. Was im Gespräch mit der Königin erörtert wird, bleibt immer geheim.

Daneben ist Repräsentation ihr Geschäft - bei Staatsbesuchen und -empfängen ebenso wie bei Eröffnung wichtiger Einrichtungen oder bei Arbeitsbesuchen in den Provinzen. Wenn man nach der Zahl der Schaulustigen bei öffentlichen Auftritten urteilen kann, erfüllt sie ihr Amt zur Zufriedenheit. Mancher mokiert sich mitunter über ihren Modegeschmack, aber Gegner des Königtums stellen in den Niederlanden eine kleine Minderheit. Beobachter sehen es als eine ihrer wichtigsten Leistungen an, dass nach einigen gesellschaftlichen Unruhen noch zu ihrer Thronbesteigung 1980 das Königshaus heute unumstritten ist. Selbst Verfechter eines gewählten Staatsoberhaupts, die im linken politischen Spektrum zu finden sind, könnten sich vorstellen, dass Beatrix eine solche Wahl gewinnen würde.

Wenn die Staatsräson es verlangt, weiß sie sich auch zu fügen. So akzeptierte sie die Regelung, die der seinerzeitige Regierungschef Wim Kok vor einem Jahr zur Hochzeit von Kronprinz Willem-Alexander und Maxima Zorreguieta aus Argentinien traf. Wegen der Kritik in der Bevölkerung an der Rolle von Brautvater Jorge unter der argentinischen Militärdiktatur waren die Schwiegereltern des künftigen Trägers der Krone zum Verzicht auf die Teilnahme an der Hochzeitsfeier überredet worden.

Königin Beatrix erfüllt ihr Amt in einem anderen Stil als ihre Mutter Juliana. Die damalige "Mutter des Vaterlands" wurde abgelöst von einer mehr auf Abstand und Form bedachten königlichen Chefin mit Fachkenntnis. In den vergangenen Jahren wurde die Monarchin gelegentlich daran erinnert, dass sie früher fröhlicher war. Aber die einstige "Prinzessin mit dem Lächeln" hatte dazu in den vergangenen Jahren nicht viel Anlass. Ihr Mann, Prinz Claus, den sie als wichtigsten Partner und Berater gepriesen hat, litt immer schwerer an verschiedenen Krankheiten. Im Oktober vergangenen Jahres starb er. Die Trauer im ganzen Land und die bewegenden Nachrufe für den aus Deutschland stammenden Prinzgemahl zeigten, wie stark die Niederländer weiterhin mit ihrem Königshaus verbunden sind.