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Keine zweite Front im Südlibanon: Warum sich die Hisbollah zurückhält

Von Georg Friesenbichler

Analysen

In Nahariya wurden alle Schulkinder nach Hause geschickt, die Luftschutzbunker in ganz Nordisrael geöffnet. Auch auf der anderen Seite der Grenze, im Libanon, wurden Schulen geschlossen und Koffer gepackt. Zu präsent sind noch die Erinnerungen an den Krieg vom Sommer 2006, als Israel im Südlibanon die schiitische Hisbollah-Miliz bekämpfen wollte. 1200 Libanesen kamen damals um und rund 160 Israelis, davon etwa 40 Zivilisten, die von Hisbollah-Raketen getroffen worden waren. | Diesmal glaubt aber nicht einmal Israel selbst, dass im Norden eine zweite Front im Konflikt um den Gaza-Streifen im Süden eröffnet worden sei. Hinter dem Angriff würden radikale Palästinenser stecken, vermuteten Militärvertreter.


Rund 400.000 Palästinenser leben heute im Libanon, nachdem dem Nahost-Krieg 1948 gewaltige Flüchtlingswellen gefolgt waren. Das Elend in den zwölf Flüchtlingslagern, auf die sie verteilt sind, bildet den Nährboden für Extremismus. In Israel wird über eine Täterschaft des "Generalkommandos der Volksfront zur Befreiung Palästinas" spekuliert, einer Miliz, die Syrien nahe steht. Darauf deutet auch hin, dass es sich um selbstgebaute Geschosse handelte, während die Hisbollah seit 2006 längst wieder aufgerüstet hat und nach eigenen Angaben über 30.000 moderne Raketen verfügt.

Auch politisch ist die Schiiten-Miliz aus dem Krieg gestärkt hervorgegangen. Sie sitzt heute in der Allparteienregierung des multikonfessionellen Landes und verfügt zusammen mit ihren Verbündeten dort über eine Sperrminorität.

Solche Fortschritte nicht zu gefährden, ist wohl neben der allgemeinen Kriegsmüdigkeit und der sich erst langsam erholenden Wirtschaft der Hauptgrund für die bisherige Zurückhaltung von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah. Zwar klagt er in scharfem Ton Israel wegen der Angriffe gegen die Hamas, traditionell mit der Hisbollah verbündet, an und fordert die Solidarität der Araber ein. Eine militärische Reaktion versprach er aber nur für den Fall, dass Israel im Südlibanon wieder angreift.

Israel, das als Drohgebärde ständig mit Kampfflugzeugen den libanesischen Luftraum verletzt, wollte die Hisbollah trotzdem nicht von Verantwortung freisprechen: "Mit Duldung" der Miliz wären die Raketen geflogen. Tatsächlich haben die Islamisten weiterhin die Kontrolle über den Südlibanon, auch wenn die dort stationierte Unifil-Truppe der UNO nach 2006 auf 13.000 Mann aufgestockt wurde.

Die internationale Schutztruppe konnte die Aufrüstung der Miliz nicht verhindern. Damit stellt sich die Frage, warum ein Unifil-Äquivalent, wie es der Waffenstillstandsplan für den Gaza-Streifen vorsieht, effektiver sein sollte - einmal den Fall vorausgesetzt, dass man sich trotz Hamas-Widerstands darauf einigen kann.