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Kellerleichen: Presserat sucht sich selbst

Von Engelbert Washietl

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Zwei einbetonierte Tote und die Berichterstattung darüber offenbaren ein Manko: Dem neuen Medien-Ethikrat hat es die Stimme verschlagen.


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Für Österreichs Boulevardmedien stand das Urteil vom ersten Tag fest, als die blonde Eissalonbesitzerin nach ihrer überstürzten Flucht aus Wien in Italien gefasst wurde. "Der eiskalte Engel kehrt zurück", lautete ein Zeitungstitel, "Eis-Baronin: Lover im Bett hingerichtet" ein anderer. Rätseln können Vielleser lediglich, warum die "Kronen Zeitung" und "Heute" den griffigen Namen "Eis-Baronin" bevorzugen, die Zeitung "Österreich" sich aber auf "Eis-Lady" versteift.

Die blumige Journalistensprache liefert fast täglich Stoff für die Medienjustiz: üble Nachrede, Verstöße gegen den Identitätsschutz und die Unschuldsvermutung, Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs. Alle genannten Delikte sind nach dem Medienrecht oder dem Bürgerlichen Gesetzbuch strafbar. Im Rechtsstaat ist es untragbar, Personen, die noch nicht einmal angeklagt sind, bereits als Täter hinzustellen. Somit hat der Rechtsanwalt der Verdächtigten, Heinz-Dietmar Schimanko, laut APA bereits
21 Anträge bei Gericht gegen sechs Medieninhaber eingebracht.

Gut, dass es die Justiz gibt. Bedauerlich ist, dass vom Österreichischen Presserat bisher kein Wort über die grassierende Skandalberichterstattung zu hören war. Seine Geschäftsordnung verbietet nämlich, dass er von sich aus öffentliche Stellungnahmen abgibt. Presseratsgeschäftsführer Alexander Warzilek scheint das selbst zu bedauern und hofft, dass die bereits in Gang befindlichen Reformgespräche Erfolg haben. Ein Entwurf der neuen Geschäftsordnung liege vor. "Ziel ist, dass der Presserat auch medienethische Bewertungen vornehmen kann und in Fragen der Medienethik zur Instanz wird."

Wie wichtig! Gerade für Fragen der journalistischen Verantwortung, die jenseits strafrechtlicher Delikte zu fordern ist, braucht es Leitlinien. Der "höchstpersönliche Lebensbereich" ist ein komplexes Feld, wie ein anderes aktuelles Beispiel zeigt. Ist es wirklich gestattet, die von einer "Plattform Betroffener Kirchlicher Gewalt" erhobene Behauptung, ein angebliches Missbrauchsopfer habe einen Selbstmordversuch unternommen, zu verbreiten? Die Staatsanwaltschaft hat schon zuvor alle mit dem Fall zusammenhängenden Verfahren eingestellt. Jetzt wird der höchstpersönliche Lebensbereich aber mit seiner extremsten Komponente - einem Selbstmordversuch - in Zeitungen aufgerollt. Ist das dem "angeblichen Missbrauchsopfer" dienlich? Es ist mindestens so problematisch wie diesem eine "emotional instabile Persönlichkeit" (Borderline) nachzusagen, wie es ein Beschuldigter getan hat.

Journalisten hatten von Anfang an Kritik geübt, dass der Presserat verfahrensmäßig wattiert wurde. Der Fall "Kellerleichen" dürfte jetzt Reformversuche beschleunigen. Es kann ja nicht so sein, dass sich das medienpolitisch wichtige Gremium nur auf Umwegen Gehör verschaffen darf, wie es tatsächlich geschehen ist. Der Vorsitzende der Journalistengewerkschaft, Franz C. Bauer, sprang nämlich schon am 15. Juni in die Bresche und beklagte öffentlich, dass die Berichterstattung in den Medien weitgehend von Vorverurteilungen geprägt sei. "Ich frage mich, was da noch passieren müsste, dass der Presserat von sich aus tätig wird." Fast schon skurril: Die Gewerkschaft ist einer der Trägervereine des Presserates und Bauer dessen Präsident.

Der Autor ist Sprecher der Initiative Qualität im Journalismus; zuvor Journalist für "Wirtschaftsblatt", "Presse" und "Salzburger Nachrichten".