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Kenia: Volkszählung nährt Angst vor neuen Spannungen

Von Klaus Huhold

Politik

Frage mit Konfliktpotential: Kenianer müssen ihre Ethnie angeben. | Nairobi/Wien. Kenia führt derzeit eine Volkszählung durch, und diese sorgt für Kontroversen. Denn die Kenianer müssen dabei die Frage beantworten, zu welcher der etwa 50 Ethnien im Land sie sich bekennen. Nun geht die Angst um, dass dies zu neuen Spannungen führt.


Wegen der starken ethnischen Polarisierung im Land sei für diese Frage momentan der falsche Zeitpunkt, sagt etwa der Direktor des "Instituts für demokratische Erziehung" in Nairobi, Peter Alingo.

Denn die Erinnerung an die letzten ethnischen Ausschreitungen sitzt noch tief. Nachdem der Oppositionskandidat Raila Odinga bei der Präsidentenwahl vor etwa eineinhalb JahrenManipulationsvorwürfe gegen Amtsinhaber Mwai Kibaki erhoben hatte, kam es zu schweren Unruhen mit mehr als 1000 Toten. Der Konflikt vollzog sich entlang ethnischer Trennlinien: Die Kikuyu, eine der größten Ethnien, standen auf der Seite Kibakis, andere Volksgruppen wie etwa die Luo zogen vor allem für Odinga durch die Straßen.

Gefährdete Versöhnung

Mittlerweile bilden Kibaki und Odinga eine Einheitsregierung und haben einen Versöhnungsprozess eingeleitet. Doch noch immer orientiert sich die Politik in Kenia stark an ethnischen Zugehörigkeiten, berichtet Alingo gegenüber der "Wiener Zeitung".

Viele internationale Beobachter fürchten nun, dass die Veröffentlichung der Ergebnisse des Zensus Forderungen der großen Volksgruppen nach sich zieht. Etwa nach mehr Einfluss im öffentlichen Leben oder nach mehr Landbesitz. Diese Forderungen könnte wiederum von Politikern befeuert werden. Denn in Kenia instrumentalisieren Politiker immer wieder die ethnische Frage, um Positionen, Macht und Einfluss zu erlangen.

Laut Alingo hat die Frage nach der ethnischen Zugehörigkeit aber nicht nur negative Aspekte. Manche Volksgruppen hätten spezielle Bedürfnisse und durch die Ergebnisse des Zensus könnte besser für sie gesorgt werden. Genau aus diesem Grund begrüßt etwa Daniel Kobei von der nur ein paar tausend Personen großen Ethnie der Ogiek gegenüber der Agentur Reuters die Volkszählung. Die Ogiek, ein Volk von Jägern, erhoffen sich von dem Zensus mehr Beachtung seitens der Regierung.

Die Verbesserung der sozialen Lage ist auch eines der Argumente, mit denen die Regierung die bis Ende August dauernde Volkszählung und die Frage nach der Ethnie verteidigt: Man brauche möglichst genaue Daten, um die Verwaltung und damit auch Sozialprogramme zu verbessern.

Die soziale Not in Kenia ist groß und verschärft sich immer mehr: Es herrscht Dürre, laut dem Welternährungsprogrammen (WFP) leiden derzeit vier Millionen Kenianer Hunger. Die UN-Organisation richtete nun einen dramatischen Appell an die internationale Gemeinschaft, dass weitere 160 Millionen Euro gebraucht werden, um die schlimmste Not zu lindern. "Die Menschen hungern, mehr und mehr Kinder sind unterernährt, das Vieh stirbt", sagte WFP-Landesdirektor Burkard Oberle.