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Kennedy, Kreisky, Junkie XL

Von Matthias Nagl

Politik

Die Rede von Bundeskanzler Christian Kern war vor allem auch eine Inszenierung. Bei den Genossen in Wels kam sie gut an.


Wels. Von "sehr gut" bis "sehr beeindruckend" reichten die Reaktionen auf Christian Kerns Rede zur Zukunft Österreichs beim Publikum am Mittwochabend in der Welser Messehalle. Zumindest seine eigene Partei mit besonderer Berücksichtigung Oberösterreichs hat Kern damit gewonnen - falls das noch notwendig war.

"Worauf warten", hatte Bundeskanzler und SPÖ-Chef Christian Kern seine Rede betitelt. Zunächst hieß es für die rund 1500 Genossen am Mittwochabend in Wels einmal warten auf den Kanzler. Doch Kerns Publikum musste sich nur rund zehn Minuten gedulden, bevor er in knapp zwei Stunden seine Ideen für das Land darlegte. Schon der Einzug Kerns gab einen Hinweis darauf, dass er seine Kanzlerschaft als Gesamtinszenierung ansieht. Der Junkie-XL-Remix von Elvis Presleys "A little less conversation" unterlegte den Auftritt des Kanzlers - bereits bei der Budgetdebatte im Nationalrat im Herbst hatte Kern dieses Lied als Aufforderung zum Handeln an Finanzminister Hans-Jörg Schelling zitiert.

Es war nicht das einzige Zitat an diesem Abend. Nur rund zehn Minuten dauerte es, bis Kern erstmals auf Bruno Kreisky zu sprechen kam. Die Bildungspolitik des damaligen Kanzlers habe Kern als Sohn einfacher Leute den Besuch eines Gymnasiums und der Universität ermöglicht. Allerdings provozierte diese Referenz eine der wenigen kritischen Stellungnahmen zu Kerns Rede aus der eigenen Partei. Der Verband Sozialistischer StudentInnen erkannte in Kerns Rede einen "deutlichen Angriff auf den offenen und freien Hochschulzugang". Der freie Hochschulzugang stelle eine Errungenschaft dar, "von der auch Kern selbst noch als Student profitiert hat und diese nun mit Füßen tritt", so die Kritik.

Auch den früheren US-Präsident John F. Kennedy zitierte Kern. Österreich brauche visionäre Projekte wie die von Kennedy initiierte Mondmission der USA, die einen Menschen auf den Mond brachte. Auf solche "moonshots", geplante Projekte für Österreich, kam der Kanzler in seiner Rede mehrmals zurück.

Vielleicht war auch das knappe Platzangebot in der Welser Messehalle Teil der Inszenierung. Schließlich heißt es auch im Fußball, dass sich ein kleines, aber volles Stadion besser macht als ein großes, halbvolles. So musste die Saalmoderation die Genossen, die keinen Platz mehr bekamen, mehrmals dazu auffordern, die Rede im Foyer zu verfolgen. "Es sind wirklich unfassbar viele Leute da", sagte die Moderatorin schon vor Beginn von Kerns Rede.

Inszenierung "geradezu perfekt"

Auch auf den Pressearbeitsplätzen überstieg die Nachfrage deutlich das Angebot. Den professionellen Beobachtern blieb die Inszenierung des Abends nicht verborgen. "Man hat hier den amerikanischen Politikberater im Hintergrund aus allen Poren triefend mitempfunden", sagte etwa Politikwissenschafter Peter Filzmaier am Donnerstag im Ö1-"Mittagsjournal". Filzmaier bezeichnete die Inszenierung als "hochprofessionell", für Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer war sie "geradezu perfekt".

Kern wählte ein in Österreich neuartiges Format für seine Rede: Eine Arena mit einem runden, rot-weiß-roten Podest in der Mitte, auf dem sich Kern frei um den Stehtisch mit seinen Notizen bewegte. Bachmayer titulierte das Setting als eine "Mischung aus freundlicher Boxarena und Kirche". Auf drei Seiten war das Podest umgeben mit Publikum auf Tribünen, eine Seite blieb der Öffentlichkeit in Form von Kamerateams und Journalisten vorbehalten. Und wie man das aus Besuchen in Fernsehstudios kennt, wirkte im Fernsehen alles größer, als es dann in der Realität war.

Was im Vorfeld schon allerorten gemutmaßt wurde, bestätigte Kern dann gleich zu Beginn seiner Rede. Die Wahl für den Ort fiel nicht zufällig auf Wels. Von hier aus - wo die FPÖ der SPÖ nach 70 Jahren den Bürgermeister abspenstig gemacht hat - will Kern starten, um enttäuschte Wähler zurückzuholen.

Von "ganz gut" bis"sehr beeindruckend"

Bei den eigenen Funktionären ist das schon einmal gelungen. Das Publikum setzte sich mehrheitlich aus oberösterreichischen SPÖ-Mitgliedern zusammen, aus anderen Bundesländern kamen nur höherrangige SPÖ-Funktionäre. Kerns Auftritt wurde überwiegend positiv aufgenommen. "Die war eigentlich ganz gut", war schon die zurückhaltendste Reaktion auf die Rede. Sie kam von Franz Maier, einem oberösterreichischen SPÖ-Mitglied. "Sehr beeindruckend" fand eine junge Krankenpflegerin aus einem Welser Krankenhaus Kerns Rede. Dabei ist sie kein Parteimitglied, sondern begleitete ihren Mann an diesem Abend und betrachtet sich explizit als SPÖ-Außenstehende. "Er spricht so ziemlich alle Probleme an, die einen jungen Erwachsenen beschäftigen. Kinder, Kinderbetreuung, Arbeitslosigkeit, Zukunftsängste", sagte sie.

Der Kanzler dürfte vor allem in jenen Bevölkerungsgruppen, die sich eine Stimme für die SPÖ grundsätzlich vorstellen können, gute Chancen haben - und zwar quer durch alle Altersgruppen. "Er hat sehr kompetentes Auftreten. Im Vergleich zu seinen zwei Vorgängern, die ich mitgekriegt habe, habe ich zu ihm am meisten Vertrauen", sagte die Krankenpflegerin aus Attnang. Einen "sehr guten Eindruck", hatte auch Brigitte Oberlininger, Pensionistin und Gemeinderätin im Innviertel. "Wenn es so gut funktioniert, wie er sagt, ist das super", sagte Oberlininger. Auch die Chancen auf die Umsetzung von Kerns Plänen sieht sie intakt: "Die Hoffnung stirbt zuletzt."

Während Kennedys "moonshots" in der Rede mehrmals auftauchten, gab es die zweite Referenz an Kreisky erst ganz zum Schluss: "Gehen wir diesen gemeinsamen Weg ein Stück gemeinsam für unser Land", schloss Kern seine Rede. Ein Stück des Weges gemeinsam gehen - dieses Angebot hatte einst auch Kreisky den Wählern gemacht.