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Kern im Messias-Modus

Von Marina Delcheva

Politik

Kern bringt frischen Wind in die SPÖ. Die Erwartungen zu erfüllen, ist schwierig.


Wien. Alle lieben Kern. So in etwa könnte man den Bundesparteitag der SPÖ am Samstag zusammenfassen. Mit 97 Prozent der Delegierten-Stimmen wurde Bundeskanzler Christian Kern nun auch offiziell zum Parteivorsitzenden gewählt. Innerhalb der Partei und ein Stück weit auch außerhalb wird er als Messias gefeiert.

Das "profil" kürte ihn im September des Vorjahres zum "Kanzler der Herzen". Inmitten der Flüchtlingskrise hatte er sich, damals noch ÖBB-Boss, durch die rasche und unbürokratische Versorgung der Flüchtlinge an Österreichs Bahnhöfen hervorgetan. Als Ex-Kanzler Werner Faymann nach massivem Druck zurücktrat, riefen die Genossen, Kern muss Kanzler werden. Er selbst hatte in der Vergangenheit bei der Kanzlerfrage nonchalant abgewunken und beteuert, dass er keine politischen Ambitionen habe.

Aber jetzt, wo ihn die Sozialdemokratie so dringend braucht, da kann man wohl nicht "Nein" sagen. Kern startet mit einem sehr großen Vertrauensvorsprung. In der Kanzlerfrage liegt er mit 27 Prozent ganze zehn Prozentpunkte vor FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Werner Faymann hatte den ersten Rang 2015 abgegeben und nicht mehr wiedererlangt. Die Frage ist nun, wie lange die Kern-Hysterie hält und wie viele der sehr hoch angesetzten Erwartungen der neue Kanzler erfüllen kann.

Faymann-Malus ist Kern-Bonus

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", sagt Wolfgang Bachmayer, Geschäftsführer des Umfrageinstituts OGM. Kern verdanke seinen Starterfolg zum einen seinem Vorgänger und der breiten Unzufriedenheit der Partei mit diesem. Zum anderen sei Kern ein "bemerkenswerter Kommunikator". Die Inszenierung ist perfekt, urteilt auch Politikberater Thomas Hofer. Es ist dieser neue Kommunikationsstil, den man, zumindest von einem österreichischen Kanzler, nicht gewohnt war. Seine Auftritte sind betont lässig, jedes Wort sitzt, ebenso der Anzug. Auf Facebook, Twitter und Instagram wirkt er ungezwungen, und doch ist nichts dem Zufall überlassen - der Kanzler beim Gaberln vor dem Österreich-Ungarn-Match, der Kanzler mit Sonnenbrille, der Kanzler bei der Wiener Regenbogenparade: "Na und, es ist 2016!"

Ein bisschen erinnert Kerns Kommunikationsstil an jenem von Justin Trudeau, dem Kanadischen Ministerpräsidenten, der auf Facebook mit Pandas kuschelt und sein halbes Kabinett mit Frauen besetzt, "because it’s 2015". Spätestens im Herbst muss Kern aber liefern. "Neustart ist das Unwort der letzten 20 Jahre", sagt Bachmayer. Im APA/OGM-Vertrauensindex liegt er aktuell bei 16 Punkten. "Das ist mehr, als Faymann zu seinen besten Zeiten hatte." Das zu halten werde aber schwer. Der Kanzler müsse bis zum Herbst mit konkreten Ergebnissen überraschen, etwa im Bereich Bildung oder am Arbeitsmarkt. Bisher hat er die Probleme nur an- und ausgesprochen.

Erfolg hängt auch von ÖVP ab

Sein Erfolg steht und fällt allerdings mit dem Koalitionspartner ÖVP. Und diese hat naturgemäß kein Interesse daran, den neuen Kanzler allzu stark aussehen zu lassen. Hofer ortet hier sogar einen Stellvertreterkrieg der Lager Kern und Kurz. Denn während Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und Kern den Neuanfang feierten, hielt sich Außenminister Sebastian Kurz, der als Zukunftshoffnung der ÖVP gilt, mit Lob, aber auch mit Kritik vornehm zurück.

ÖVP-Wien-Chef Gernot Blümel preschte mit Kritik vor und bescheinigte Kern Rücktrittsreife, sollte er "die Asylobergrenze aufweichen". Von Neo-Staatssekretärin Muna Duzdar (SPÖ) hagelte es wiederum Kritik an Integrationsminister Kurz, dass in der Integration wenig weitergegangen sei. "Die beiden Lager stellen sich schon auf ein Match Kern gegen Kurz ein", so Hofer. Während sich Kern in jüngster Zeit "überraschend" links positionierte - er fordert etwa eine Maschinensteuer und spricht über Vermögenssteuern -, schlage Kurz, etwa in der Asyldebatte, einen konservativeren Ton ein.

Und dann sind da noch die FPÖ und die zahlreichen Wähler, die in der Vergangenheit von der SPÖ zur FPÖ übergelaufen sind. Auch sie gilt es, zurückzuholen. "Der hemdsärmelige Arbeiterführer ist er nicht", sagt Hofer. Der Kampf um die Arbeiterschicht wird Kerns große Herausforderung. Hier gelte es, so beide Politikexperten, sich eher von der FPÖ abzugrenzen. Das habe bisher fast immer funktioniert.