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Kernbotschaft des Osterfestes

Von Heiner Boberski

Reflexionen

Die Auferstehung ist für den christlichen Glauben entscheidend. In Europa mag dieser Glaube und die religiöse Überlieferung vielen fremd geworden sein - global spielen Religionen noch eine große Rolle.


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Ein neuer Bischof von Rom wird zu diesem Osterfest auf dem Petersplatz seiner Stadt und dem Erdkreis den Segen Urbi et Orbi spenden. Kann ein 76-Jähriger - mag er auch der jüngste Pontifex seit 1997 sein, als Papst Johannes Paul II. knapp vor der Vollendung des 77. Lebensjahres stand - seiner Kirche und vielleicht sogar darüber hinaus Aufbruchsstimmung vermitteln?

Wann, wenn nicht zu Ostern, das die Kernbotschaft des christlichen Glaubens beinhaltet, hat die Frage nach der Bedeutung von Religion in unserer Gesellschaft besondere Aktualität?

Erinnerung an Ostern

"Zu Ostern ist Jesus Christus von den Toten auferstanden. Ein Fest der Freude für die Menschen." Mit derartigen Plakataufschriften rief die Erzdiözese Wien im Jahr 2009 die christliche Bedeutung des Osterfestes in Erinnerung. Eine Fleißaufgabe, weil sowieso jeder weiß, warum Ostern gefeiert wird? Oder aus Sicht der römisch-katholischen Kirche eine höchst notwendige Maßnahme, weil die meisten Menschen mit Ostern in erster Linie den Osterhasen, versteckte Eier oder einfach ein profanes Frühlingsfest verbinden?

Der amerikanische Autor Philip Jenkins zeigte in seinem 2008 erschienenen Buch "Gottes Kontinent?" über die Säkularisierung in Europa auf, wie fremd vielen Europäern religiöse Überlieferungen geworden sind: "Zahlreiche Einzeleinschätzungen geben, wie Meinungsumfragen bestätigen, Hinweise darauf, dass selbst grundlegendste christliche Lehren nicht mehr bekannt sind.

Einer britischen Erhebung zufolge waren über 40 Prozent der Befragten nicht in der Lage zu erläutern, was an Ostern gefeiert wird." Jenkins schrieb mit offenkundigem Bedauern: "Besucher von Kunstgalerien können längst nicht mehr davon ausgehen, dass der durchschnittliche Besucher das Wissen um ,Himmelfahrt‘ und ,Verklärung‘ mitbringt." Ein tschechischer Beobachter kritisierte, dass seine jüngeren Landsleute "nicht einmal wissen, worum es an Weihnachten geht. Wenn sie in Kunstgalerien Darstellungen von Jesus Christus sehen, können sie damit gar nichts anfangen. Ein Mädchen fragte in Betrachtung einer Kreuzigungsdarstellung ,Wer hat ihm das angetan?‘ Ihr Freund antwortete: ,Die Kommunisten.‘"

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...Es dauerte aber nicht lange, bis die "Christian Party" zu einer Gegenkampagne ausholte.

"Christus ist auferstanden." "Er ist wahrhaftig auferstanden." In Russlands orthodoxen Gemeinden ist es üblich, dass die Gläubigen einander zu Ostern mit diesen Worten begrüßen. Aber nicht nur in Russland, wo der Sonntag wörtlich übersetzt Auferstehungstag heißt, steht der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi im Mittelpunkt des christlichen Bekenntnisses. Bibelexegeten sind sich darin weitgehend einig, dass etliche Berichte aus dem Neuen Testament, wie etwa die Texte über die Kindheit Jesu, nicht historisch zu sehen sind. Ausgangspunkt der Evangelienschreiber war die Erfahrung der Auferstehung. Aus dieser Erfahrung versuchten sie, mit einem "österlichen Blick" das Leben Jesu aufzurollen, mitunter auch in bildhaften Erzählungen.

Nichtiger Glaube?

Wie entscheidend die Auferstehung für den christlichen Glauben ist, hat schon der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde von Korinth (15, 14-20) betont: "Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden aber auch erfunden als falsche Zeugen Gottes, weil wir wider Gott gezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist auch Christus nicht auferstanden. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden. So sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren. Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten und der Erstling geworden unter denen, die da schlafen."

Ist schon das Kreuz, an dem Jesus Christus am Karfreitag gestorben ist, in den Worten des Paulus "für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit", so ist die Auferstehung von den Toten erst recht etwas, woran sich die Geister scheiden. "Darüber wollen wir dich ein anderes Mal hören", gaben viele Athener, wenn sie ihm nicht gleich mit Spott und Hohn begegneten, dem heiligen Paulus zu verstehen, als er auf dem Areopag damit beginnen wollte, ihnen die Lehre vom auferstandenen Jesus zu verkünden. Die Vorstellung von einem über den irdischen Tod hinausgehenden Leben in einer anderen Welt, dem Jenseits, fällt schon den meisten Menschen, auch durchaus religiösen, schwer, noch mehr aber die Idee, jemand, der wirklich und wahrhaftig mausetot war, könnte in dieses Leben zurückkehren.

Feiern mitten im Tag

Wer eine kahle Winterlandschaft, noch dazu bei trübem Wetter und Schneesturm, vor Augen hat, wird zwar auch Mühe haben, sich die blühende Blumenwiese im Sonnenschein vorzustellen, die sich hier einige Monate später seinem Blick öffnen wird, aber er weiß immerhin aus Erfahrung über diese Zyklen der Natur Bescheid: Nach der dunklen Nacht kommt der helle Tag, nach dem kalten Winter mit entlaubten Bäumen und Sträuchern kommt wieder die warme Jahreszeit mit Blüten, Blättern und Früchten. Für viele hat Ostern die Funktion, den Übergang in die wärmere Jahreszeit einzuleiten, als Frühlingsfest, als Freizeit, in der man wie in Goethes "Faust" einen "Osterspaziergang" absolvieren und sich dabei denken kann: "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche. . ." Aber was soll nach dem Tod noch anderes kommen als Verwesung und Zerfall des Körpers?

"Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung", heißt es in einem modernen Kirchenlied. Im Pfarrblatt der Wiener Pfarre Ober St. Veit hat gerade eine gläubige Frau und Mutter beschrieben, wie sie nach einem schweren Skiunfall an einem Karsamstag wochenlang im Koma lag und dann, was wenige für möglich gehalten hatten, doch wieder ganz gesund wurde - für sie eine Art Auferstehung in ein neues Leben, eine Erfahrung, die sie in ihrem christlichen Glauben bestärkt hat.

Dieser christliche Glaube ist aber heute laut soziologischen Befunden und Daten in unseren Breiten deutlich im Schwinden. Die großen Kirchen verlieren an Mitgliedern, vor allem dort, wo die Mitgliedschaft mit Gebühren verbunden ist. In der römisch-katholischen Kirche hat in den letzten Jahrzehnten in den Industrieländern die Zahl der Priester und Ordensleute, aber auch der Menschen, die regelmäßig zum Gottesdienst gehen, deutlich abgenommen. Dass zu Ostern die Kirchen noch ziemlich voll sind und zu diesem Datum auch zunehmend Erwachsene getauft werden, kann über den allgemeinen Rückgang nicht hinwegtäuschen.

Der schwindenden Zahl der Gläubigen steht eine wachsende Menge von religiös Gleichgültigen, aber auch von kämpferischen Religionskritikern gegenüber. In England starteten sie 2008 die erste atheistische Werbekampagne in der Geschichte des Landes, indem sie auf Autobussen plakatierten: "Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Also mach dir keine Sorgen und genieße das Leben."

Nicht nur die Hardliner einzelner Religionen haben einander heute den Kampf angesagt, sondern auch kämpferische Areligiöse den Religionen. Antireligiöse Aktionen sind in Europa salonfähig - die Meinungsfreiheit gibt innerhalb eines gewissen gesetzlichen Rahmens die Möglichkeit, Religionen abzuwerten, ihre Werte, Leitfiguren und Mitglieder zu verspotten und zu beleidigen.

Der plakativen britischen Gottesleugnung von 2008 lag, wenn man den zweiten Satz liest, offenbar das Bild eines Gottes zugrunde, der den Menschen Sorgen macht und ihnen keinen Genuss im Leben gönnt, ein Gottesbild, das vermutlich auch viele Gläubige nicht freudig akzeptieren. Der Glaube an die Auferstehung beruht nicht auf handfesten überlieferten Beweisen - auch wenn manche behaupten, ein solcher sei das Turiner Grabtuch, in das sich durch überirdische Strahlung im Moment der Auferstehung das Bild des Gekreuzigten eingegraben habe. Er beruht auf dem Zeugnis der Jünger Jesu, die für ihre Überzeugung Leiden und Tod auf sich nahmen und offensichtlich so glaubwürdig waren, dass eine jüdische Sekte sich zur Weltreligion entwickelte.

Skeptiker gab es immer, auch unter den Aposteln, das zeigt die biblische Erzählung vom "ungläubigen Thomas", der erst die Wunden seines Herrn sehen und spüren wollte, ehe er an die Auferstehung zu glauben bereit war. Die Bekehrung des Christenverfolgers Saulus zum Völkerapostel Paulus bedeutete einen wesentlichen Schritt für das junge Christentum, das in der Folge in Europa Fuß fasste und zur dominierenden Religion dieses Erdteils wurde.

Und heute? Die Säkularisierung habe "wie ein Tsunami" in den westlichen Industrieländern einen drastischen Einbruch des kirchlichen Lebens ausgelöst, sagte Kardinal Donald William Wuerl, Erzbischof von Washington, im Oktober 2012 zum Auftakt der Bischofssynode über Neuevangelisierung in Rom. Schon einen Monat vorher hatte der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, in Berlin vor den deutschen Bischöfen "nüchtern und diagnostisch" im Blick auf die vergangenen 40 Jahre konstatiert: "Das Christentum wird immer marginaler." Und noch einen Monat zuvor, am 8. August 2012, hatte der spanisch-amerikanische Religionssoziologe José Casanova in Salzburg erklärt, die "weibliche Säkularisierung" sei der "signifikanteste Faktor in der seit den 1960er Jahren drastisch voranschreitenden Säkularisierung westeuropäischer Gesellschaften".

Der Umgang der katholischen Kirche mit den Frauen sei ein Versuch, sich den "radikalen Veränderungen der Rahmenbedingungen zu entziehen", der gesellschaftliche Wandel werde schlicht ignoriert: "Der Feminismus scheint den Kommunismus als Schreckgespenst aller religiösen Traditionen ersetzt zu haben."

Die Säkularisierungsthese im engeren Sinn - dass Religion grundsätzlich langsam, aber sicher von der Bildfläche verschwindet - wird heute von vielen führenden Religionssoziologen nicht vertreten. Sie halten sowohl eine Renaissance der Religionen als auch eine andere, aber quantitativ kaum geringere Religiosität außerhalb der herkömmlichen Religionsgemeinschaften für möglich. Die im Sommer 2012 erschienene Studie "The End of Secularization in Europe?" (Sociology of Religion, Volume 73, Issue 2) der Demographen Eric Kaufmann, Anne Goujon und Vegard Skirbekk neigt aufgrund von Daten aus zehn europäischen Ländern - sehr vorsichtig, aber immerhin - zu dem Schluss, Westeuropa könnte am Ende des 21. Jahrhunderts religiöser sein als an dessen Beginn. In sechs nordwesteuropäischen Ländern, in denen die Säkularisierung früh begonnen habe, sei sie ins Stocken geraten, in anderen Ländern könnten die religiöseren Zuwanderer und die höheren Geburtenraten der gläubigen Frauen zu einer Wende führen.

Wenn die an Institutionen orientierte Religiosität nachlässt, muss das nicht für die individuelle Religiosität gelten. Diese treibt innerhalb und außerhalb der etablierten Religionsgemeinschaften ihre Blüten. Man bleibt eventuell sogar in einer größeren Kirche, sucht sich aber dort die Gruppe, in der man sich wohlfühlt. Es kommt, wie es der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner formuliert hat, zu einer "Verbuntung" - die Kirche wird vom einheitlichen Sportrasen zur Blumenwiese.

Abseits der konsumorientierten westlichen Industrieländer spielen Religionen eine noch bedeutendere Rolle, vor allem, aber nicht nur der Islam. Das Christentum lebt derzeit vor allem in Ostasien auf, aber auch in den vielen evangelikalen Freikirchen und Pfingstgemeinden in Südamerika.

Die Wahl des argentinischen Kardinals Jorge Mario Bergoglio zum Papst resultiert sicher vorwiegend aus der persönlichen Überzeugungskraft dieses Kirchenmannes, sie erhöht aber auch die Attraktivität der römisch-katholischen Kirche in Lateinamerika, wo sich in den letzten Jahren viele ihrer Gläubigen anderen christlichen Gruppierungen zuwandten.

Hoffnungsträger Papst

Das Auftreten des neuen Papstes Franziskus als eines Anwalts der Armen, als eines Kritikers der inhumanen Mechanismen der modernen Weltwirtschaft, als eines glaubwürdig bescheiden und volksnah auftretenden Propagandisten eines anderen Lebensstils kann durchaus religiöse Steine ins Rollen bringen. Religiös wird man eher durch die Begegnung mit charismatischen Menschen, mit echten Vorbildern, die ihren Glauben leben, als durch die Konfrontation mit Lehrsätzen. Und viele, die areligiös geworden sind, haben dafür nicht nur Vernunftgründe - weil viele Vertreter der modernen Wissenschaft Gott als unnötig für die Erklärung der Welt erachten oder weil das Böse in der Welt nicht mit einem liebenden Gott vereinbar erscheint -, sondern haben vielfach auch aus schlechten Erfahrungen mit Repräsentanten von Religionen ihre Konsequenzen gezogen. Vorbilder haben mehr Einfluss auf Glauben oder Unglauben als noch so kluge Bücher.

Offiziell haben ja alle, Religionen und gottferner Humanismus à la "Imagine" von John Lennon, das Ziel eines friedlichen Zusammenlebens aller Menschen. Dafür Voraussetzung sind Gewaltfreiheit, Toleranz, Respekt und Dialog. Der neue Papst, der bei seiner ersten großen Begegnung mit Journalisten den Segen nur "im Stillen" erteilte, weil er die vielen anwesenden nicht-katholischen Medienleute nicht vereinnahmen wollte, ist ein Hoffnungsträger für einen vertieften Dialog der Weltanschauungen im Allgemeinen und der christlichen Konfessionen im Besonderen. Was die Christen eint, ist der gemeinsame Glaube an die Auferstehung, die zu Ostern gefeiert wird; was Katholiken und Orthodoxe noch nicht eint, ist ein gemeinsamer Termin für dieses Fest - eine Herausforderung für die Ökumene, deren Bewältigung unter Papst Franziskus realisierbar erscheint.


Heiner Boberski, geboren 1950 in Linz, von 1995 bis 2001 Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Furche", seit 2004 Redakteur im Feuilleton der "Wiener Zeitung". Verfasser bzw. Co-Autor zahlreicher Bücher, u.a. "Habemus Papam" (2005), "Geheimnis Vatikan" (2006), "Weltmacht oder Auslaufmodell - Religionen im 21. Jahrhundert" (2013).

Nicht gläubige Weltbewohner

Bei den nicht gläubigen Erdenbewohnern werden 661 Millionen Agnostiker ("kann nicht glauben") und 136 Millionen Atheisten ("weiß, dass es keinen persönlichen Gott gibt") unterschieden. Gallup International hat 2012 in 57 Ländern mehr als 50.000 Personen befragt. Von diesen haben sich 59 Prozent als religiös, 23% als nicht religiös und 10% als überzeugte Atheisten bezeichnet. Die erklärten Atheisten leben vorwiegend in Ostasien und Europa.

Wachstum des Islam in Europa

Nach einer Studie des PEW Research Center wird der Anteil der muslimischen Bevölkerung in Europa von heute rund 44,1 Millionen Menschen (6%) auf etwa 58,2 Millionen (8%) im Jahr 2030 ansteigen - in Österreich von 5,7 auf 9,3%, in Großbritannien von 4,6 auf 8,2%, in Frankreich von 7,5 auf 10,3%, in Belgien von 6,0 auf 10,2%, in Schweden von 4,9 auf 9,9%.