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Kettenreaktion

Von Thomas Seifert

Leitartikel
Thomas Seifert.

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Nach dem Start der neuen nordkoreanischen Interkontinentalrakete des Typs Hwasong-15 erklärte der Machthaber des Landes, Kim Jong-un, dass Nordkorea nun eine Nuklearmacht sei. Man wolle ein "verantwortungsvolles" Mitglied in diesem Klub jener Länder sein, die im Besitz der zerstörerischsten Waffen sind, die es auf dem Planeten Erde gibt. Das Waffenarsenal habe man deshalb entwickelt, um sich von der "nuklearen Erpressungspolitik" und der "nuklearen Bedrohung" der USA zu schützen.

Nuklearexperten zweifeln indes daran, dass Nordkorea alle technischen Hürden überwunden hat und tatsächlich in der Lage ist, einen nuklearen Sprengkopf auf einer Interkontinentalrakete ins Ziel zu bringen. Ein schwacher Trost: Denn selbst wenn Nordkorea heute die technischen Möglichkeiten noch fehlen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Atomphysiker, Metallurgen und Raketentechniker sich das dazu nötige Wissen aneignen.

All das sollte die Alarmglocken schrillen lassen: Denn die USA haben angekündigt, dass sie es auf keinen Fall dulden wollen, dass Nordkorea in die Lage kommt, die USA mit Nuklearwaffen zu bedrohen. Ein Krieg auf der koreanischen Halbinsel hat das Potenzial, zum Weltenbrand des 21. Jahrhunderts zu eskalieren: Denn in einen bewaffneten Konflikt zwischen Nordkorea und den USA könnten Südkorea, Japan und China hineingezogen werden. Eine furchtbare Kettenreaktion.

Südkoreas derzeitige Regierung ist um eine Verbesserung der Beziehungen zu Nordkoreas unberechenbarem Machthaber bemüht, und auch China hat nicht das geringste Interesse an einer Destabilisierung an der Ostflanke des Reichs der Mitte.

Eine militärische Lösung des Atomstreits mit Nordkorea wäre nackter Wahnsinn, also bleibt nur die Hoffnung auf Diplomatie. China hat zuletzt den Druck auf das Regime in Pjöngjang erhöht. Peking kann Nordkorea wirtschaftlich unter Druck setzen, hat aber gleichzeitig nicht das geringste Interesse an einem Kollaps des Regimes. Einerseits fürchtet Peking für diesen Fall eine Flüchtlingskrise an der chinesisch-nordkoreanischen Grenze und muss gleichzeitig befürchten, die Pufferzone Nordkorea zu verlieren. Peking setzt auf Geduld: Die wirtschaftlichen Beziehungen zu Südkorea sind stark, der Einfluss der USA im pazifischen Raum wird wohl in den nächsten Jahrzehnten weiter schwinden. Pjöngjangs Säbelrasseln ist also für Xi Jinping mehr als lästig. Daher ruhen alle Hoffnungen auf Peking, Kim Jong-un in die Schranken zu weisen.