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Killertomaten lassen grüßen

Von Christa Karas

Wissen

Wer - wie etwa wir in den Redaktionen - seit Wochen Tag für Tag mit den unzähligen Aussendungen der Umweltschützer in Sachen "Gen-Mais" konfrontiert ist, kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass der Landwirtschaft eine Art Super-GAU und den Österreichern damit Tod und Verderbnis drohen. "Gentechnisch kontaminiert" ist der Un-Begriff der Saison.


Nicht zufällig natürlich, denn die Fakten - kurz gefasst fanden sich 0,1 bis 0,5 Prozent (!) gentechnisch veränderte Maiskörner in mehreren Chargen Saatgut - nehmen sich dagegen allzu harmlos aus und würden so nicht einmal den eingewurzeltsten Bauernmanifestierer aus dem Herrgottswinkel locken. Da braucht´s schon das Wörterbuch des Grauens und sogar einen angezeigten Minister, auf dass Österreich "das Öko-Land Nr. 1" bleibe, auf das "ganz Europa schaut". Jenes übrigens, aber das nur nebenbei, in dem gegen die gentechnisch veränderten Maissorten kein Importverbot besteht.

Die gute Absicht entschuldigt freilich weder die hysterische Übertragung eigener (Existenz-)Ängste auf eine Mehrheit und den Verlust jeglichen Augenmaßes dabei, noch die möglichen Schäden, die daraus entstehen können (in den USA etwa stehen zahlreiche Farmer vor dem Ruin, weil die Maisexporte aus diesem Grund eingebrochen sind) und schon gar nicht entschuldigt sie die Ignoranz des Eigentlichen.

Dass die "gute" Natur nur diejenige ist, die wir überwunden und "domestiziert" haben, davon legt noch heute selbst der Biobauer Zeugnis ab. Per se hat es sie nie gegeben - sondern nur das schlichte Prinzip vom Fressen und Gefressenwerden - und wie jeder heute wissen sollte, war die Menschheit von Anfang an und vor allem nach dem erzwungenen Übergang vom Aasfresser und Jäger zum Rohköstler mit nichts so sehr beschäftigt als mit der Erfindung von Methoden, Ungenießbares wie Knollen, Gräser, Pilze und Beeren genießbar zu machen.

Der Aufwand dabei ist unermesslich, allein etwa im Hinblick auf die bis heute nicht restlos erfassten "natürlichen" Gifte, mit denen sich sämtliche Pflanzen gegen ihre Fressfeinde wehren - ausgenommen jene, denen wir sie weggezüchtet haben, um sie stattdessen groß und ertragreich zu machen. Im Gegenzug für´s täglich Brot galt es nun freilich unsererseits, die Pflanzen zu schützen. Womit die Chemie ins Spiel kam und unsere Erkenntnis, dass nicht nur alles Leben Chemie ist, sondern dass Chemie naturgemäß neben Wirkungen auch unerwünschte Nebenwirkungen zeitigen kann.

Hier nun setzt die Gentechnik an und nur äußere Logik vermag die Ironie darin zu erkennen, dass just Umweltschützer darin nicht die große Chance zum Umstieg in die bisher risikoärmste Alternative sehen, die es bisher zur Nahrungsknappheit gegeben hat, bedient sich Gentechnik doch lediglich der in anderen Pflanzen oder Bakterien vorhandenen genetischen Möglichkeiten, Pflanzen etwa ohne Ertragseinbußen widerstandsfähig gegen Klimaunbilden, Fressfeinde und Herbizide gegen Unkraut etc zu machen. (Ein gegen Insekten eingesetztes Toxin-Gen stammt z. B. vom Bacillus thuringensis, dessen großflächiger Einsatz lange Zeit in der Bio-Landwirtschaft empfohlen wurde.)

Chimären wie die Killertomate bleiben auch in Zukunft D-Movies vorbehalten, da sind sowohl Natur als auch Industrie Garanten. Allergien - meist gegen so natürliche Dinge wie Pollen und Bienen - begleiten uns auch jetzt durch´s ganze Leben und sind in der Regel ungefährlich. Gentechnisch veränderte Pflanzen können weiters allenfalls örtlich bestimmten Insekten den Garaus machen, aber kaum einer Gesamtpopulation.

Somit: Ist "die Insel der Seligen" zwar in der beneidenswerten Lage, bis jetzt auf die Gentechnik in der Landwirtschaft vorerst verzichten zu können. Daraus abzuleiten, dass Gentechnik generell verzichtbar ist und Falter wichtiger als Menschen sind, wäre im Hinblick auf die weltweite Ernährungssituation aber ebenso unredlich wie zynisch. Es braucht, im Gegenteil, mehr Gentechnik, um sie auch jenen Regionen zugänglich zu machen, in denen täglich Menschen des Hungers sterben.

Quellen u. v. a.: Greenpeace, "Kronen-Zeitung" (31. 7. 2001), R. Lewontin: "Genes in the Food!" in: "The New York Review" (21. 6. 2001)