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Kim Jong-un demonstriert Macht

Von Klaus Huhold

Politik

Spekulationen über kollektive Führung mit Kim Jong-un an der Spitze.


Pjöngjang/Seoul. Es ist nun wieder die Zeit, in der Geheimdienste und politische Beobachter jedes Foto und jedes Filmmaterial aus Nordkorea ganz genau betrachten: Mit wem tritt der als "Großer Nachfolger" gepriesene Kim Jong-un, der Sohn des verstorbenen Diktators Kim Jong-il, auf? Wem schüttelt Kim Jong-un die Hand, mit wem führt er Gespräche? Oder besprechen sich gar hohe Militärs untereinander, ohne den nicht einmal 30-Jährigen zu beachten? Man erhofft sich durch diese Beobachtungen Kenntnisse darüber zu verschaffen, wie die Machtverhältnisse im Land stehen und wie stark die Position von Kim Jong-un ist, auf den die Bevölkerung in der offiziellen Propaganda eingeschworen wurde. Denn die kommunistische Diktatur schottet sich derart ab, dass selbst Nachbarstaaten oft nicht wissen, wer in Pjöngjang gerade wie viel Einfluss hat.

Nach dem Tod von Kim Jong-il setzt sich aber mittlerweile immer mehr der Eindruck durch, dass der Diktatorensprössling Rückhalt bei der einflussreichen Armee hat. Die Führungsriege werde, zumindest in naher Zukunft, zusammenhalten, sagt der Nordkorea-Experte Ralph Cossa vom US-amerikanischen Thinktank Pacific Forum CSIS.

Und Kim Jong-un soll auch schon eine erste Machtdemonstration abgeliefert haben. Noch vor der Verbreitung der offiziellen Todesnachricht vom Ableben Kim Jong-ils habe Kim Jong-un seine ersten Befehle an die Streitkräfte erteilt, berichteten südkoreanische Medien unter Berufung auf Regierungskreise in Seoul. Demnach hat der noch von seinem Vater zum Vier-Sterne-General ernannte Kim Jong-un angeordnet, dass alle militärischen Einheiten die laufenden Wintermanöver verlassen und in die Stützpunkte zurückkehren. Kim Jong-un wird nun auch schon von den nordkoreanischen Staatsmedien als "angesehener Kim Jong-un" gepriesen, was die Legitimität der Machtfolge betont.

Generäle werden größeren Einfluss haben

Das Militär sei auf Kim Jong-un eingeschworen, sagte auch eine Quelle der Nachrichtenagentur Reuters, die namentlich nicht genannt werden wollte und enge Verbindungen nach Pjöngjang hat. Allerdings sieht der Insider, der schon einmal einen nordkoreanischen Atomtest vorhergesagt hat, einen großen Unterschied zur Vergangenheit: Kim Jong-un wird weniger Macht als sein Vater haben. Denn statt von einem allmächtigen Diktator wird Nordkorea zukünftig von einer kollektiven Führung beherrscht werden. Kim Jong-un nimmt innerhalb dieser Führungsriege die Spitzenposition ein, wird sich die Macht aber teilen müssen. Und zwar mit hochrangigen Militärs und mit seinem Onkel Chang Sun-taek. Dieser gilt schon lange als einflussreicher Strippenzieher im Hintergrund und war der Stellvertreter des verstorbenen Kim Jong-il in der einflussreichen Verteidigungskommission.

Nordkoreas Truppen in Alarmbereitschaft

Die Verschiebung der Machtverhältnisse in Pjöngjang hat jedenfalls in der Region Unruhe ausgelöst. Dazu tragen nun auch neueste Berichte des südkoreanischen Geheimdienstes bei. Demnach hat Nordkorea seine Truppen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Das Land ist äußerst unberechenbar, wie es mit seinen überraschenden Atomwaffentests oder dem Granatenangriff auf die südkoreanische Insel Yeonpyeong im vergangenen Jahr bewiesen hat. Auch am Montag hat Nordkorea eine Rakete mit einer vermutlichen Reichweite von 120 Kilometern getestet. Laut Beobachtern wollte Nordkorea damit ein Signal an die USA senden, dass man sich auch nach dem Tod von Kim Jong-il verteidigen kann. Weitere provokative militärische Manöver sind nicht auszuschließen. Diese würden wieder einen Konflikt mit den USA und Südkorea vom Zaun brechen und damit ein äußeres Feindbild kreieren. Damit würde die Bevölkerung noch stärker hinter Kim Jong-un geschart werden.

Für Spannungen könnte auch eine Aktion von Aktivisten aus Südkorea sorgen. Diese ließen inmitten der Staatstrauer Ballons mit Flugzetteln an der Grenze zu Nordkorea aufsteigen. Auf den Flugzetteln wurde die Erbfolge an der Staatsspitze von dem Vater an den Sohn heftig kritisiert.

Hingegen hat Südkoreas Minister für Wiedervereinigung, Yu Woo Ik, am Dienstag in einer im Fernsehen übertragenen Ansprache dem nordkoreanischen Volk sein Beileid ausgedrückt. Die US-Regierung hingegen lehnt eine offizielle Beileidsbekundung ab, Washington hält diese für "unangebracht".