Zum Hauptinhalt springen

Kims Rache an Bush -ein Befreiungsschlag

Von Ines Scholz

Politik

Washington - Dass Nordkorea schon lange am Bau einer Atombombe tüftelt und versucht, an spaltbares Uran heranzukommen, ist nicht überraschend. Wohl aber, dass das Regime das Geheimprogramm erstmals zugegeben hat - und das gegenüber dem Erzfeind USA.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 21 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Beobachter vermuten, dass es wohl weniger entsprechende "Beweise" waren, die der US-Unterstaatssekretär im Außenministerium, James Kelly, Anfang Oktober dem Regime in Nordkorea vorgelegt hatte, als der Wunsch des Regimes von Präsident Kim Jong-Il, sich endlich des Versteckspiels gegenüber den USA zu entledigen. 1994 hatten sich Bush-Vorgänger Bill Clinton und er darauf verständigt, dass Nordkorea auf die Herstellung von Nuklearwaffen verzichtet, und der Westen im Gegenzug den Bau zweier Atomreaktoren zur friedlichen Nutzung der Atomenergie in dem wirtschaftlich am Boden liegenden Land finanziert. Auch sollten die USA Nordkorea helfen, aus der politischen und wirtschaftlichen Isolation herauszufinden. Präsident George W. Bush zeigte an einer Fortsetzung dieser "Appeasementpolitik" wenig Interesse und fädelte Nordkorea lieber in seine "Achse des Bösen" ein. Nordkoreas Militärstrategen dürften Kim Jong-Il nun davon überzeugt haben, als Antwort darauf den Vertrag von 1994 für beendet zu erklären, der auch Inspektionen vorgesehen hatte, und stattdessen das Nuklearprogramm vor den USA unverhüllt voranzutreiben. Pjöngjang soll übrigens auch bestätigt haben, dass es ein Programm zur Anreicherung von Uran betreibt.

Die Reaktion der US-Regierung fiel nach der eigenen Enthüllung ungewohnt moderat aus. Regierungssprecher Mc-Cormack kündigte zunächst Beratungen mit den Verbündeten Südkorea und Japan über das weitere Vorgehen an, fügte aber gleich hinzu: "Wir streben eine friedliche Lösung an". Südkorea bekannte sich trotz der neuen Umstände umgehend zur mühsam begonnenen Sonnenscheinpolitik - also zum Dialog. Kommende Woche wird Chinas Staatschef Jiang Zemin in den USA erwartet. Für heißen Gesprächsstoff ist reichlich gesorgt.