Zum Hauptinhalt springen

Kind oder Heimat

Von Stephanie Schüller

Politik
Letzter Ausweg für Aggressionen: Wenn psychische in physischer Gewalt gipfelt.
© fotolia

Nach einer Misshandlung rettet eine Mutter sich und ihr Kind ins Frauenhaus.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Hätte Stefanie P. (Name von der Redaktion geändert) die Wahl, würde sie heute wohl nicht in Wien wohnen. Sie wäre vor eineinhalb Jahren zurück in ihre Heimat nach Osteuropa zu ihren Verwandten gegangen. Damals, als viele Vorfälle in einem entscheidenden Übergriff gegipfelt haben. Sie hat sich nichts zu Schulden kommen lassen, was in Europa mit einem Ein- oder Ausreiseverbot bestraft würde - und hat trotzdem keine Wahl. Weil sie Mutter ist.

Absolute Kontrolle

"Ich habe die richtige Entscheidung sekundenschnell begriffen", beschreibt P. ihre Reaktion auf einen gewaltsamen Angriff ihres Mannes vor etwa eineinhalb Jahren. Misshandlung auf einem öffentlichen Platz. Sie hat ihm widersprochen, er konnte kein Nein akzeptieren. Dann ist es mit ihm durchgegangen, sein Kragen ist endgültig geplatzt. Ihrer auch. Denn sie wusste, dass sie nicht mehr länger mit ihm zusammenleben kann. Was bis dahin passiert ist, spielte sich lange Zeit zu Hause hinter verschlossenen Türen ab. Psychische Gewalt und ihre Auswirkungen bleiben nicht nur in diesem Fall oft unsichtbar für Außenstehende.

"Es hat damit begonnen, dass er zurückhaltend war. Er hat nicht viel geredet, war passiv", erinnert sich P. an die Anfänge. Bevor der Terror begonnen hat, waren sie und ihr Mann bereits mehr als zehn Jahre zusammen. Vor anderen hat P.s Mann den liebevollen Familienvater gespielt. Kaum einer hätte sich ihn zu Hause anders vorstellen können, meint sie. Weshalb sie selbst oft nicht ernst genommen wurde. Sie hat nur ein paar wenige Menschen eingeweiht: "Die gut gemeinten Ratschläge kommen von Außenseitern, die diese Beziehung nicht erleben. Aber wenn man selbst das Schlimmste erlebt, dann denkt man anders."

P. wurde von ihrem Mann auf Schritt und Tritt kontrolliert. Er habe ihr das Handy weggenommen, ihr verboten auszugehen, ihre Post kontrolliert und sie gedemütigt. Sie erinnert sich noch genau daran: "Er hat gesagt, dass ich ein Nichts bin." Er habe geschrien, wenn ihm das Essen nicht schmeckte, und seiner Frau vorgeschrieben, wie sie sich kleiden soll. Sie musste sich anhören, wie unattraktiv sie ist. Auf Fahrscheinen kontrollierte er Datum und Uhrzeit der Stempel. Wenn er sie überhaupt mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren ließ. "Er musste zu jedem Zeitpunkt wissen, was ich mache und wo ich bin. Man fühlt sich wie eine Puppe und weiß nicht, wie es weitergeht. Privatsphäre gibt es nicht", sagt P.

Auch ihre Herkunft und ihr gebrochenes Deutsch hat ihr Mann gegen P. ausgespielt: "Er fragte mich: ‚Wenn wir zum Gericht gehen, wer wird dir glauben? Du bist die Ausländerin, ich der Österreicher.‘ Darum habe ich mich auch nicht so viel getraut." Auch heute ist sie noch unsicher, will weder ihren Namen noch ihr Alter oder ihre genaue Herkunft aus Angst vor ihrem Mann verraten.

P.s Kind war zu dieser Zeit im Kindergarten, an den Wochenenden hat sie sich häufig ohne ihren Mann mit dem Kind beschäftigt. Er habe hinter ihrem Rücken Pläne geschmiedet, ihr das Kind wegzunehmen. "Wenn ein Mann eine Frau nicht mehr liebt, versucht er, an die Kinder heranzukommen. Sehr viele Männer schaffen das. Ich habe im Frauenhaus viele Frauen kennengelernt, denen die Männer mit Druck und Lügen die Kinder weggenommen haben", sagt P.

Mehrere Monate hat sie nach dem gewaltsamen Übergriff im Frauenhaus verbracht. Keine leichte Entscheidung für die Mutter, war ihr Mann doch die Person, für die sie überhaupt nach Österreich gekommen ist: "Ich wollte nicht alles zurücklassen. Wenn man ins Frauenhaus geht, muss man sein ganzes Leben ändern und dazu war ich anfangs nicht bereit", erzählt P. "Ich dachte, das ist nicht so schlimm und ich kann das aushalten. Ich wurde so erzogen, dass alles schon irgendwie wird. Man muss nur brav bleiben und alles machen, was der Mann will", sagt sie.

Mittlerweile nimmt sie gemeinsam mit ihrem Kind das Angebot einer Übergangswohnung der Wiener Frauenhäuser in Anspruch. Bis die Scheidung erledigt ist und sie ihr Leben wieder völlig eigenständig gestalten kann. Die mutige Frau wirkt erschöpft und ist gezeichnet von einer schweren Zeit. Wahrscheinlich ist sie jünger, als sie aussieht. Die langen Gerichtsverfahren machen es ihr schwer, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Wer P. zuhört, merkt, wie der ganze Fall ihr Nervenkostüm zerfrisst. "Das dauert alles sehr lange, die Richter lassen sich Zeit. Es kann noch zwei bis drei Jahre dauern, bis alles abgeschlossen ist", klagt sie. Auch über die Obsorge für das Kind wird noch entschieden. Ein Ende des Rechtsstreits ist noch nicht in Sicht.

Das Kind als Instrument

"Die Gewalt geht wegen des Kindes über die Scheidung hinaus", erklärt Andrea Brem, Geschäftsführerin der Wiener Frauenhäuser. "Da sie ein Kind hat, kann er sie immer wieder als schlechte Mutter hinstellen und ihr vorwerfen, was sie alles falsch macht. Das Problem bei der psychischen Gewalt ist, dass die Kinder ein verlängerter Arm zur Frau sind. Wenn die Kinder größer sind, werden sie oft manipuliert und instrumentalisiert", sagt Brem.

Hätte sie kein Kind gehabt, wäre sie zu ihrer Mutter in ihre Heimat gegangen, sagt P. heute. Mit Kind wäre sie wegen Kindesentführung verfolgt worden. "Die Beziehung zu ihrem Mann ist gescheitert und diese Frau möchte eigentlich zurück in ihre Heimat, weil sie dort Arbeit und ihre Verwandten hat. Aber das kann sie nicht, sondern sie muss in einer Stadt leben, obwohl ihr hier Gewalt angetan worden ist. Das wird als ganz normal angesehen, aber ich finde das überhaupt nicht normal", klagt Brem über die Gesetzeslage.

Die Frauenhäuser waren P.s einziger Schutz. Bei Freunden hätte sie nicht bleiben können, sagt sie. Man könnte fast meinen, P. hatte Glück im Unglück. Denn sie hat im entscheidenden Moment noch den Schritt in die richtige Richtung, in ein neues Leben gewagt: "Wenn dieser Vorfall nicht gewesen wäre, Gott weiß, wie das weitergegangen wäre. Vielleicht wäre ich irgendwo in der Psychiatrie gelandet", sagt sie.