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Kindern ohne Arzneien helfen

Von Alexandra Grass

Wissen
Essigpatscherl mit dicken Socken sind ein größerer Aufwand, aber ebenso wirkungsvoll.
© fotolia

Immer mehr Ärzte und Eltern schöpfen aus Großmutters Nähkästchen.


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Wien. Ist ein Kind krank, setzen Eltern alle Hebel in Bewegung, um das Leiden möglichst rasch zu lindern. Vor allem in der vorherrschenden Jahreszeit, in der Krankheitserreger leichtes Spiel haben, sind die Ärzte gefragt, Mittel zu finden, die sofort wirken. Sehr wohl gibt es hier potente Medikamente am Markt, die das Fieber senken, den Husten lindern, die Nase befreien und auch Keime abtöten. Dass es diese effizienten Wirkstoffe auch in der Natur gibt - dieses Wissen ist in den vergangenen Jahrzehnten allerdings fast verloren gegangen.

Doch immer mehr Mediziner setzen in der Behandlung von Krankheiten auf Substanzen, die die Traditionelle Europäische Medizin zu bieten hat, und stöbern dabei im Nähkästchen der Großmütter. Und auch immer mehr Eltern stellen den umtriebigen Einsatz von Antibiotika in Frage.

Vergessen und verdrängt

"Es war in der Zeit um den Zweiten Weltkrieg mit der Entwicklung von potenten Pharmazeutika wie den Antibiotika, die einst gefährlichen Erkrankungen den unmittelbaren Schrecken nahmen, in der ein Vergessensprozess begonnen hat", stellt Karl Zwiauer, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Landesklinikum St. Pölten, fest. Doch um im Akutfall frühzeitig wirksame Maßnahmen treffen zu können, muss dieses Wissen über die überlieferte Wirkung von Hühnersuppe, Eibisch, Kartoffelwickel und Co. wieder aufgefrischt werden.

Und: Viele aus Beobachtungen berichteten Heilwirkungen sind längst wissenschaftlich belegt oder intensiv erforscht. So etwa der Einsatz von Thymian und Eibisch bei Erkältungskrankheiten oder die Hühnersuppe zur Stärkung des Immunsystems. Die Schulmedizin hat diesen Möglichkeiten in den vergangenen Jahrzehnten jedoch keinen Platz mehr gelassen, bedauert Zwiauer.

"Um auf der sicheren Seite zu sein, haben wir Jahrzehnte lang mit Antibiotika Unfug betrieben. Jetzt befinden wir uns am Rande einer Ära, wo wir aufgrund von auftretenden Resistenzen unter Umständen manche schweren Infektionen gar nicht mehr behandeln können." Ein quasi hausgemachtes Problem.

Daher gelte es, beiden Seiten - sowohl der Schul- als auch der Naturmedizin - den richtigen Stellenwert zuzuordnen und sowohl Antibiotika als auch Zwiebelwickel verantwortungsvoll und zum richtigen Zeitpunkt mit nötiger Ernsthaftigkeit einzusetzen.

Lange Zeit haben sich Eltern blind auf potente Arzneien verlassen - Paracetamol-Zäpfchen, um das Fieber zu senken, Ambroxolhydrochlorid, um den Schleim in den Bronchien zu lösen, oder Amidephrin-Mesylat, um die Nase zu befreien. "Vor allem in der heutigen Zeit besteht der hohe Anspruch, möglichst schnell wieder zu reparieren", so Zwiauer. Zunehmend begegnet der Kinderarzt aber kritischen Eltern, die nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen wollen. Der Mediziner gesteht ein, dass es sehr wohl ein größerer Aufwand sein kann, etwas nicht zu verschreiben. "Wenn man nie gesehen hat, welche heilende Wirkung Fieber hat. Wenn man nie ein Kind beobachten konnte, wie es bei Fieber unterschiedlich reagiert", dann werde aus einer vermeintlichen Angst heraus der Ruf und die Dringlichkeit nach diesen Medikamenten stärker.

Mittelweg von zwei Extremen

In seinem neu erschienenen Nachschlagewerk "Kindern helfen ohne Medikamente" beschreibt Zwiauer gemeinsam mit Wolfgang Schuhmayer, Leiter des Österreichischen Instituts für tiergestützte Therapie und Forschung, den hohen Stellenwert der natürlich-pflanzlichen Therapien, "da sie zumeist nebenwirkungsärmer sind, teilweise aber auch einen relevanten präventiven Nutzen aufweisen".

Im Krankenhaus setzt der Mediziner vorwiegend im ambulanten, aber begleitend auch im stationären Bereich auf die Schatztruhe Natur. Liegt ein krankes Kind in der Abteilung, "kann ich die alten Hausmittel alleine wahrscheinlich nicht mehr anwenden, was aber nicht heißt, dass wir im Spital nicht auch Kartoffel- oder Topfenwickel verabreichen", stellt Zwiauer fest.

Auch heute noch werden Antibiotika überschießend und bei jedem x-beliebigen Infekt eingesetzt. Es sei jedoch nicht notwendig, jede Bronchitis oder Pneumonie damit zu behandeln. "Jetzt müssen wir den Mittelweg zwischen den beiden Extremen - der Schul- und der Naturmedizin - finden. Denn ein Konzert ist nur dann schön, wenn es auch stimmig ist und nicht ein Instrument das totale Übergewicht hat."

Allerdings betont der Kinderarzt auch die Notwendigkeit einer gewissen Ernsthaftigkeit von Verordnung und Verabreichung. Einerseits sollten Ärzte eben nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen. Andererseits dürfen Eltern ein verschriebenes Antibiotikum nicht eigenmächtig einsetzen. Wo es notwendig ist, wirkt es nur in der vorgesehenen Dosis und Dauer. Ein vorzeitiges Absetzen kann einen großen Schaden anrichten und überdies die Bildung von Resistenzen vorantreiben, warnt Zwiauer.