Zum Hauptinhalt springen

Kinderpsychiatrien am Limit

Von Sara Brandstätter

Politik
© tock.adobe.com / Henry Letham

Noch immer sind Österreichs Kinder- und Jugendpsychiatrien überlastet, eine Verbesserung ist nicht in Sicht.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 1 Jahr in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

"Ein einschneidendes Erlebnis war für mich die Wartezeit im Vorzimmer des Kinderpsychiaters. Während ich dort mit meiner Tochter gesessen bin, hat ständig das Telefon geklingelt. Eltern wurden dann am Telefon vertröstet, weil der Arzt einfach keine Plätze mehr frei hatte." Das erzählt eine Mutter aus Niederösterreich, deren 13-jährige Tochter während der Pandemie an Anorexie (Magersucht) erkrankte.

Als ihre Tochter nichts mehr aß, wusste sie, dass nun Hilfe nötig ist. Die bekamen sie auch, aber über Umwege. Zuerst wollte sie für ihre Tochter einen Platz bei einer Psychologin, dort war keiner frei. Nachdem sich der Zustand der Tochter verschlechterte, rief sie bei einem Kinderpsychiater an, auch der hatte keine Kapazitäten mehr. Zu diesem Zeitpunkt war die gesundheitliche Lage ihrer Tochter bereits so schlimm, dass die Mutter sie ins Krankenhaus brachte. Heute geht es ihr wieder besser und der Besuch beim Kinderpsychiater war eine Routinekontrolle. Doch in den zwei Jahren bemerkte die betroffene Familie vor allem eines: Genügend Plätze gibt es nicht.

Das ist keine Einzelsituation. Österreich schneidet bei der Anzahl an Fachärztinnen und -ärzten in Kinder und Jugendpsychiatrien bezogen auf die Einwohnerzahl im EU-Vergleich schlecht ab - der ambulante und auch der stationäre Bereich sind seit Jahren überlastet. Das zeigt auch eine OECD-Studie. Hier liegt Österreich knapp unter dem Durchschnitt und hinter Deutschland und Italien. Diese Zahlen stammen aus 2013, aktuellere gibt es derzeit nicht. Aber Gespräche mit Personen aus der Praxis lassen nicht auf Verbesserungen schließen. In allen Bundesländern ist die Situation kritisch.

Und dass, obwohl die Fakten auf gravierende Probleme deuten: Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Gesundheit Österreich GmbH bestätigte, dass sich die psychische Gesundheit von Kindern zwischen 11 und 17 Jahren durch die Pandemie verschlechtert hat. Mädchen sind in besonderem Ausmaß psychisch belastet und haben mit Einsamkeit und Angst zu kämpfen.

Die Professorin Ulrike Zartler von der Universität Wien bestätigt das. Sie hat für ihre Studie zweieinhalb Jahre Interviews mit Eltern geführt. Über einige Monate hinweg sei es möglich gewesen, sich an die schwierige Situation anzupassen, doch jetzt würden die Probleme sichtbar werden: "Viele Eltern haben uns berichtet, dass sie keine Möglichkeit hatten, eine psychische Behandlung für ihre Kinder zu bekommen." Zartler verweist darauf, dass es rasche und niederschwellige Angebote geben müsse. Doch daran mangelt es immer noch.

Jahrelange Überlastung

Die Überlastung ist aber kein neues Phänomen. Ein Grund dafür ist, dass das Fach der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Österreich erst seit 2007 besteht. Im Gespräch mit Kathrin Sevecke, der Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, wird der Ernst der Lage klar. Sie vergleicht es mit einem Marathon, nur ohne Ziel und Entlastung in Sicht. Derzeit habe sie bei ihr in der Klinik 90 Kinder, die auf einen stationären Platz bei ihr warten. "Die Wartezeit ist zwischen drei und sechs Monate, das ist nicht okay", so die Leiterin der Uni Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Hall und Innsbruck.

Laut EU-Standards zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen braucht es in Österreich 890 stationäre und tagesklinische Behandlungsplätze. Derzeit gibt es nur 437 stationäre und 138 tagesklinische - das ergibt ein Defizit von 315 Plätzen österreichweit.

Positiv beurteilt Sevecke, dass es mittlerweile mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit gebe. "Mittlerweile kann man über Depression und Angststörungen reden, bei Themen wie Traumatisierung und Gewalt ist es aber immer noch schwierig." Das sei eine der wenigen positiven Entwicklungen der vergangenen Jahre. "Die Lage in Österreich ist so angespannt wie während der Pandemie."

Damit stimmt auch Paul Plener überein, der die Station für Kinder und Jugendpsychiatrie am Wiener AKH leitet. Er kritisiert, dass kein politisches Interesse bestehe und es trotz der kritischen Situation keine kassenfinanzierte Versorgung und keine Ausbaupläne dafür gebe. Seit einigen Monaten habe man stets hohe Zahlen an Jugendlichen mit Suizidgedanken in Behandlung. "Wenn akut jemand ein Bett braucht, dann bekommt er das auch. Wir schicken sicher keinen weg." Aber die Kapazitäten seien knapp.

Auch im Bereich der Prävention sieht er großen Handlungsbedarf: "Wirtschaftlich gesehen sind Präventionsmaßnahmen das Sinnvollste, hier mangelt es aber besonders". Er nennt schulische Prävention in den Bereichen Mobbing, Angst und Depression als Beispiele. Hier sei eine Schnittstelle von Bildungs- und Gesundheitsministerium nötig.

Wenn die Mutter aus Niederösterreich über die vergangenen zwei Jahre Resümee zieht, ist für sie klar: "Die Versorgung meiner Tochter war immer gut. Alle waren bemüht und transparent, wir haben uns auch als Eltern sehr gut aufgehoben gefühlt." Aber die Personalknappheit an allen Ecken und Enden habe sie stets gespürt. "Wenn einmal jemand krank war, gab es keinen Ersatz, dann fiel die Therapie für einige Wochen aus", schildert sie. Und besonders nach der stationären Behandlung taten sich Schwierigkeiten auf. Sie habe versucht, eine Kinderpsychologin zu organisieren - die einzige Option sei aber eine private gewesen. Und nur über persönliche Kontakte habe sie nach sechs Wochen einen Platz bekommen.

Viele arbeiten in Teilzeit

Sevecke sieht ein Bündel an Ursachen für die Überlastung. Einerseits gäbe es den grundsätzlichen Ärztemangel in Österreich. Darüber hinaus spricht sie von einem speziellen Problem in der Kinder- und Jugendpsychiatrie: "Wir sind ein sehr frauenlastiges Fach. Die Kolleginnen, die auch für die Ausbildung weiterer Fachärztinnen zuständig sind, gehen oft in Karenz und kommen danach in Teilzeit wieder." Dass Frauen öfter in Karenz gehen, liege am traditionellen Frauenbild, sagt die Innsbrucker Ärztin.

Zusätzlich sei Kinderpsychiatrie kein besonders lukratives Fach, dafür aber ein besonders herausfordernder Job: "Der Bereich muss einem liegen", so Sevecke. Aber auch: "Es muss mehr dafür geworben werden. Es ist ein wichtiger Beitrag und Platz in unserer Gesellschaft." Besonders Studentinnen und Studenten sollte man so früh wie möglich darüber informieren. Zum Studieneingangstest äußerte sich auch Ewald Lochner, Chef der Sucht- und Drogenkoordination der Stadt Wien, der auch als Koordinator für Psychiatrie fungiert. "Der Zugang zum Medizinstudium muss niederschwelliger werden. Durch den starken Fokus auf Naturwissenschaften scheiden eher Leute aus, die später in den Bereich der Kinder und Jugendpsychiatrie gehen würden." Der Zugangstest zum Medizinstudium wird derzeit reformiert. Die Ärztekammer fordert unter anderem eine stärkere Berücksichtigung von sozialen Kompetenzen.

Um für eine echte Entlastung zu sorgen, brauche es einerseits eine Veränderung des gedeckelten Ausbildungsschlüssels. Dieser wurde 2022 vom damaligen Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) bereits aufgelockert. Seither kann eine Fachärztin im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie bis zu maximal zwei Auszubildende betreuen. Solche Regelungen gebe es in keinem anderen Land, sagt Sevecke. Die Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie fordert die Aussetzung dieser Deckelung.

Außerdem will man eine Attraktivierung des Faches erreichen. Dazu müsse es bessere Rahmenbedingungen geben, so Sevecke. Sie verweist hier auf Psychotherapie auf Krankenschein und ein gutes Auffangnetz rund um die Psychiatrie. Denn auch im System rundherum gebe es nicht genug Arbeitskräfte. Sevecke spricht von einem belasteten Helfersystem, also "zu wenig Kinder- und Jugendhilfe, zu wenige niedergelassene Therapeuten, zu wenige Beratungsstellen."

Versorgungsmodell zu Hause

Eine Möglichkeit, hier abzufedern, ist eine Behandlung der Kinder und Jugendlichen zu Hause. Diese sogenannten Home-Treatments beurteilen alle Beteiligten positiv. Hier behandelt ein multiprofessionelles Team aus Psychologinnen, Ergotherapeutinnen, Fachärztinnen oder Sozialarbeitern die Kinder zu Hause. Lochner berichtet von einem aktuellen Ausbau in Wien. Von zwei Teams habe man auf fünf Teams mit rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgestockt. Derzeit werden rund 60 Familien in Wien behandelt und die Rückmeldungen und Ergebnisse seien sehr positiv, betont Plener vom AKH. Er äußert sich kritisch dazu, dass dieses neue Modell bisher nicht österreichweit finanziert werde.

Ob das die Überlastung der Kinder und Jugendpsychiatrie in Österreich verbessern wird, kann derzeit noch niemand so richtig einschätzen. Der Dauerlauf geht vorerst weiter - auf unbestimmte Zeit.