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Kippa und Kopftuch Tisch an Tisch

Von Toumaj Khakpour

Politik

Restaurantkonzept versucht Kulturen des Nahen Ostens zu umspannen.


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Wien. Gila Jakobi, geboren in Baku, der geschichtsträchtigen Hauptstadt Aserbaidschans; lebte zeitweise in Israel; die meiste Zeit ihres bisherigen Lebens verbrachte sie jedoch in Wien, wo sie Freunde "aus aller Welt" gefunden hat, wie sie gerne berichtet.

Teile ihres Privatlebens ins Berufsleben übertragen: Das war Gila Jakobi wichtig.
© © Stanislav Jenis

Genau diese persönliche Lebensgeschichte spiegelt sich auch in ihrer Arbeit als Restaurantbesitzerin wider. Ob das stimmt? "Ja, eigentlich schon, ich wollte Teile meines Privatlebens, in mein Berufsleben übertragen."

Das "Schesch Besch", ihr Restaurant in der Schwarzenbergstraße 4, wurde vor drei Jahren eröffnet. Auf der Speisekarte finden sich Gerichte sowohl aus dem Nahen Osten als auch aus Aserbaidschan: Humus (pürierte Kichererbsen), Falafel (faschierte Kichererbsen) oder Baba Ganush (gegrilltes Melanzani-Fruchtfleisch) sind typische Vorspeisen, die in Nahost auf jedem Tisch zu finden sind. Aus Jakobis alter Heimat Aserbaidschan kommen die dort beliebte Fleischtaschensuppe Düsch Para oder der Lülyekebap aus faschiertem Kalb- und Lammfleisch vom Grill. Neben orientalischen Desserts sind weitere Hauptspeisen aus Lamm, Huhn und Fisch mit diversen Beilagen und hausgemachten Saucen auf der Karte zu finden.

Backgammon vereint

Zum Restaurantkonzept gehört, dass der Begriff des Orients weit gefasst werden soll. Denn der Name "Schesch Besch" vereint die Länder und Sprachen miteinander: "Schesch" ist die Zahl Sechs auf Persisch; "Besch" steht für die Zahl Fünf im Türkisch-Aserbaidschanischen, erklärt Jakobi.

Der Hintergrund: "Schesch Besch" steht für den Eröffnungswurf beim traditionsreichen Backgammon-Spiel, in dem stets gewürfelt werden muss, um weiterzukommen. Das Brettspiel Backgammon stammt aus dem alten Persien und Indien und ist laut alten Funden von Wissenschaftern mit 5000 Jahren Geschichte eines der ältesten Strategie- und Glücksspiele der Welt. Heute erfreut es sich großer Beliebtheit im gesamten Nahen Osten und auch in der Kaukasusregion.

In der Wiener Restaurantkultur ist der Name "Schesch Besch" bisher gut angekommen, zahlreiche Gäste haben sich positiv dazu geäußert, erzählt Jakobi. Anfangs hatte sie allerdings Bedenken: "Ich habe schon etwas Zeit gebraucht, bis ich mir sicher war." Dass die Wahl auf "Schesch Besch" gefallen ist, liegt auch daran, "dass er sich reimt und man ihn sich leicht merken kann".

In ihrem Restaurant verabreden sich verschiedene Kulturkreise: manche zum Essen oder zum Rauchen einer Wasserpfeife (Schischa, nach dem persischen Wort für Glas). Andere finden sich im "Schesch Besch" zu einer gepflegten Partie Backgammon ein, das mache einen Teil des Miteinanders aus, sagt die Unternehmerin. Welche Gäste kommen, hängt von der Tageszeit ab. "Unter der Woche zu Mittag sind es vor allem Businessmenschen aus den Büros im Umkreis, denen wir ein Mittagsmenü anbieten; am frühen Abend kommen Familien; am späten Abend finden sich junge Menschen zum Schischarauchen ein." Dabei steht Jakobis Restaurant auch bewusst für das Wien der Vielfalt: "Im ‚Schesch Besch‘ trifft man autochthone Österreicher genauso wie Männer mit Kippa und einen Tisch weiter Frauen mit Kopftuch oder Burka."

Persönlich, erzählt die Mutter von drei Kindern, stehen für sie die Religion und Nationalität anderer Menschen nicht an erster Stelle, wenngleich sie selbst "sehr traditionell" erzogen wurde. Dies spiegelt sich auch in ihrem Personal wider: "Hier arbeiten Österreicher, christliche und muslimische Araber, Perser, Türken, Leute aus der ehemaligen UdSSR, Nigeria und Afghanistan. Und alle kommen gut miteinander aus." Auf die Frage, was die Besonderheit des "Schesch Besch" ausmacht, antwortet Jakobi bestimmt: "Wir versuchen die Kulturen des Nahen Ostens zu umspannen, die Angebote des Restaurants sind danach ausgerichtet."

Sie achtet vor allem auf das orientalische Detail, auch wenn ihre Restauranteinrichtung nicht typisch orientalisch aussieht: "Viele Leute verbinden die orientalische Kultur mit kitschigen Verzierungen und Blümchen." Die Mischung zwischen Tradition und Moderne kann aber kein Widerspruch sein, bekundet Jakobi. Schließlich sieht auch sie sich auf der einen Seite modern, auf der anderen aber "sehr traditionell."

Wirtin aus Zufall

Bevor sie sich ganz dem Restaurantleben widmete, leitete sie einen Hard- und Software-Großhandel. Die Gründung des "Schesch Besch" entstand zufällig; ohne große Planung. Anfängliche Bedenken, in der Gastronomie Fuß zu fassen, hatte sie nicht. Als Gastronomiebetreiberin ist Jakobi keine Unbekannte: Schon 2005 gründete sie mit ihrem damaligen Ehemann das Grillrestaurant "Sababa" in der Rotenturmstraße 19.

Dass gerade Wien eine Stadt ist, die wirtschaftstreibende Migranten als Unternehmer verbuchen kann, zeigt ein Blick in die Statistik: Laut "Mingo Migrant Enterprises", dem Serviceangebot der Wirtschaftsagentur Wien für Unternehmer mit Migrationshintergrund, haben rund 30 Prozent aller Wiener Unternehmer migrantische Wurzeln. Viele von ihnen sprechen mehrere Sprachen. Restaurantbesitzerin Jakobi ist ein Beispiel dafür: Sie beherrscht mehr als fünf Sprachen.

Die Unternehmerin und Restaurantbetreiberin kam als Kind mit ihren Eltern und Geschwistern nach Wien. Seither ist sie von der pulsierenden Stadt angetan: "Ich fühle mich zu Wien zugehörig. Ich fahre sehr gerne weg, aber noch lieber komme ich zurück."