Kirche sorgte für kulturelle Vielfalt und Individualismus

Von Alexandra Grass

Wissen
Ein Geistlicher vermählt ein Paar. Die Zeichnung stammt aus dem 13. Jahrhundert und stammt von Henricus von Assia.
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Die Regeln der westlichen Welt stammen aus dem Mittelalter.


Über viele tausend Jahre hinweg hat sich der Mensch auf 195 Länder aufgeteilt, mehr als 7000 Sprachen entwickelt und tausende Religionen. Diese weltweite kulturelle Vielfalt hat die Sozialwissenschaften lange vor ein Rätsel gestellt. Forscher der George-Mason-Universität in Fairfax sind der Art des Zusammenlebens und des Denkens, zumindest in der westlichen Welt, nun auf die Schliche gekommen. Der Ursprung dieser Entwicklung dürfte im Mittelalter liegen - die Regeln dazu stammen aus der katholischen Kirche, schreiben die Wissenschafter im Fachblatt "Science".

Die Menschen des Westens ticken psychologisch anders als der Rest der Welt. Studien haben gezeigt, dass die Westeuropäer und ihre Nachkommen individueller, weniger konformistisch und gutgläubiger gegenüber Fremden sind. Aber warum? Die Forscher machen die mittelalterliche katholische Kirche mit ihrem Bestreben nach Monogamie und kleinen Familienverbänden als Grundlage für die gesellschaftliche Positionierung verantwortlich. Damit prägen vor allem die Ehe- und Familienvorstellungen die heutigen Gegebenheiten. Dabei stellen die Forscher einen Zusammenhang zwischen diesen Familienstrukturen und der Psyche des Menschen her.

Auch bei Nicht-Religiösen

Davon betroffen sind vor allem Menschen aus Westeuropa, Nordamerika und Australien, wie die Wissenschafter um Jonathan Schulz vom Department of Economics der George-Mason-Universität feststellen. Sie zeichnen sich durch eine höhere Individualität, Unabhängigkeit und verstärktes analytisches Denken aus.

"Die Studie zeigt glaubhaft, dass Verwandtschaftsverhältnisse für die Psyche von Bedeutung sind", betont Steven Heine, von der University of British Columbia. Und das manifestiere sich sogar in Individuen, die nicht religiös sind. "Die Familie ist die erste Struktur, der ein Kind ausgesetzt ist. Das hat Auswirkungen auf die Psychologie", erklärt auch Schulz.

Die Forscher verglichen globale Datensätze aus zahlreichen Studien. Dafür wurden auch solche aus 440 Regionen in 36 europäischen Ländern ausgewertet. Dabei verglichen die Wissenschafter auch, wie lange unterschiedlichste Weltregionen unter dem Einfluss der katholischen Kirche standen. Denn auch dort konnte sich diese in ihren Wertvorstellungen zu Familie und Ehe durchsetzen. Dazu zählt etwa das Verbot der Heirat von Cousin und Cousine. Die katholische Kirche des Mittelalters sorgte zudem dafür, dass sich große Familienverbände und Clans auflösten. Eigene kleine Haushalte für Vermählte waren diesen vorgezogen.

Im Jahr 2010 prägte der Anthropologe Joe Henrich von der Harvard University of British Columbia für diese Gesellschaften den Begriff "WEIRD" für "Western educated, industrialized, rich and democratic". Sie sind dabei nicht unbedingt als "seltsam", wie der Begriff noch zu deuten ist, zu sehen, sondern weniger angepasst und gehorsam als etwa Menschen aus China.

Mehr Mitgefühl für andere

"Die Ergebnisse sind bemerkenswert", urteilt die Kulturpsychologin Michele Gelfand von der University of Maryland in College Park in einem ebenso in "Science" erschienenen Kommentar zur Studie. Doch weitere Untersuchungen seien nötig, um überzeugende kausale Zusammenhänge zu zeigen, schreibt sie darin. "Sichtbar zu machen, wie sehr sich Kulturen unterscheiden, kann uns dabei helfen, Mitgefühl mit jenen zu entwickeln, die anders sind", betont die Forscherin. Mit der Studie wurde ein Teil des Rätsels zur menschlichen Vielfalt gelöst, meint auch die Psychologin.